Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 30. März 2008

Auf den Kopf gestellt

Publizist Philipp Löpfe über ein Raubtier in Indien

Ausser der Queen, Tee und Regen gibt es wenig, das mehr Britishness ausstrahlt als die beiden Automarken Jaguar und Land Rover. Dabei spielt es keine Rolle, dass beide ihre besten Tage längst gesehen haben. Der letzte Jaguar mit Sex-Appeal war der legendäre E-Typ. Er wurde in den Sechzigerjahren produziert; es handelte sich dabei um eine Art bezahlbaren Ferrari, der unverschämt gut aussah und für den das spätere Jaguar- Vorurteil nicht zutraf, wonach man zwei davon brauche, weil einer stets in der Reparatur sei. In den letzten 20 Jahren wurde Jaguar zu einem Synonym für langweilige Limousinen und gescheiterte Versuche, neue Nischen zu erobern.
Der Land Rover, einst das Understatement-Auto des Gentleman-Farmers, hat seinen spröden «Out of Africa»- Charme längst verloren und sich zu einem monströsen SUV entwickelt, mit dem neureiche Aufsteiger ihren schlechten Geschmack unter Beweis stellen.

Well, my dear: Jaguar und Land Rover sind ja auch keine richtigen Briten mehr. Die letzten Jahre gehörten sie Ford, dem US-Hersteller von Massenautos. Jetzt sind die beiden für 2,3 Milliarden Dollar nach Indien verscherbelt worden, an Tata. Dieses Unternehmen hat vor kurzem Schlagzeilen mit dem Nano gemacht, weil es bald das «billigste Auto der Welt» (es kostet rund 2500 Franken) auf den Markt bringen will.
Firmenchef Ratan Tata ist in seiner Heimat ein Volksheld, eine Art Bill Gates und Brad Pitt in einer Person. Trotzdem bleibt der Deal für Branchenkenner ein Rätsel. Ford hat mit Jaguar und Range Rover insgesamt rund 15 Milliarden Dollar in den Sand gesetzt. Wie will Tata mit den Benzinschluckern im Zeitalter von höheren Treibstoffpreisen und CO2-Ausstoss-Limiten je Geld verdienen?

Vielleicht geht es Tata gar nicht um Cash, sondern um einen symbolischen Triumph. Briten und Inder verbindet eine jahrhundertelange Hassliebe. Als Kronjuwel des Empire wurde Indien ausgebeutet und gleichzeitig nach westlichem Muster zivilisiert. Der Schriftsteller Rudyard Kipling («Das Dschungelbuch») bezeichnete deshalb in einem berühmten Gedicht das Verwalten des asiatischen Subkontinentes als «Bürde des weissen Mannes».
Mit dem Kauf der beiden Prestigemarken ist diese Logik auf den Kopf gestellt worden. Jetzt ist die aufstrebende Macht Indien im Begriff, die Bürde zu tragen und die alternden Mächte Grossbritannien und USA abzulösen.