Sonntagszeitung, 09. November 2008
Bretton Woods II
Publizist Philipp Löpfe über die Arroganz des Westens
Im Juli 1944 trafen sich in einem Hotel in Bretton Woods
im US-Bundesstaat New Hampshire die Vertreter der wichtigsten Wirtschaftsnationen, um eine neue Finanzarchitektur für die Nachkriegszeit zu beschliessen. Die Konferenz war das Resultat einer bitteren Einsicht: Der Zweite Weltkrieg und all seine Opfer waren auch eine Folge davon, dass nach dem Ersten Weltkrieg eben keine solche Konferenz stattgefunden hatte.
Stattdessen wurde Deutschland zu unrealistisch hohen Reparationszahlungen verpflichtet. Die Briten konnten ihre Schulden an die USA nicht zurückzahlen, und der hastig wieder eingeführte Goldstandard brachte nicht Ruhe, sondern Chaos auf den Devisenmärkten. All dies mündete in die Depression der Dreissigerjahre, der wirtschaftlichen Basis des Zweiten Weltkrieges.
Am 15.November 2008 treffen sich die Vertreter der G-20 in Washington. Angestossen haben das Treffen der britische Premier Brown und der französische Präsident Sarkozy, die ganz bewusst von einem «Bretton Woods II» sprechen. Das Ziel dieser Konferenz soll erneut eine stabile internationale Finanzarchitektur sein. Ist dies eine masslose Phrasendrescherei grössenwahnsinnig gewordener Politiker oder eine massvolle Reaktion auf eine aus dem Ruder gelaufene Finanzkrise? Leider trifft das Zweite zu. Die Finanzkrise greift immer stärker auf die reale Wirtschaft über. Ob Konsumentenstimmung oder Auftragslage, ob Aktienkurse oder Rohstoffpreise, alles bricht ein. Konjunkturpakete werden geschnürt und Leitzinse gesenkt, nicht mehr, um eine Rezession zu verhindern, sondern um den Schaden in Grenzen zu halten.
Bretton Woods I hat zur Gründung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank geführt. Bei aller berechtigter Kritik an diesen Institutionen: Ohne sie wäre der Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg nicht so reibungslos verlaufen. Was aber kann man von Bretton Woods II erwarten? Eine Anpassung der Strukturen an die Realitäten des 21. Jahrhunderts. IWF und Weltbank werden heute weitgehend von den USA und Europa dominiert, eine nicht mehr zu rechtfertigende Arroganz des Westens: Die Weltwirtschaft wird heute immer stärker von aufstrebenden Entwicklungsländern wie China, Indien oder Brasilien in Schwung gehalten. Am Anfang einer neuen Finanzstruktur muss deshalb die Einsicht in die neuen geopolitischen Machtverhältnisse stehen.
