Philipp Löpfe

Im Tiergarten 17, 8055 Zürich
Telefon +41 44 248 45 43
mail@philipp-loepfe.ch

Sonntagszeitung, 09. November 2008

Bretton Woods II

Publizist Philipp Löpfe über die Arroganz des Westens

Im Juli 1944 trafen sich in einem Hotel in Bretton Woods
im US-Bundesstaat New Hampshire die Vertreter der wichtigsten Wirtschaftsnati­onen, um eine neue Finanzar­chitektur für die Nachkriegs­zeit zu beschliessen. Die Kon­ferenz war das Resultat einer bitteren Einsicht: Der Zweite Weltkrieg und all seine Opfer waren auch eine Folge davon, dass nach dem Ersten Welt­krieg eben keine solche Kon­ferenz stattgefunden hatte.
Stattdessen wurde Deutsch­land zu unrealistisch hohen Reparationszahlungen ver­pflichtet. Die Briten konnten ihre Schulden an die USA nicht zurückzahlen, und der hastig wieder eingeführte Goldstandard brachte nicht Ruhe, sondern Chaos auf den Devisenmärkten. All dies mündete in die Depression der Dreissigerjahre, der wirtschaftlichen Basis des Zweiten Weltkrieges.

Am 15.November 2008 treffen sich die Vertreter der G-20
in Washington. Angestossen haben das Treffen der bri­tische Premier Brown und der französische Präsident Sarkozy, die ganz bewusst von einem «Bretton Woods II» sprechen. Das Ziel dieser Konferenz soll erneut eine stabile internationale Finanz­architektur sein. Ist dies eine masslose Phrasendrescherei grössenwahnsinnig gewor­dener Politiker oder eine massvolle Reaktion auf eine aus dem Ruder gelaufene Finanzkrise? Leider trifft das Zweite zu. Die Finanzkrise greift immer stärker auf die reale Wirtschaft über. Ob Konsumentenstimmung oder Auftragslage, ob Aktienkurse oder Rohstoffpreise, alles bricht ein. Konjunkturpakete werden geschnürt und Leit­zinse gesenkt, nicht mehr, um eine Rezession zu verhindern, sondern um den Schaden in Grenzen zu halten.

Bretton Woods I hat zur Gründung des Internationalen Währungsfonds
(IWF) und der Weltbank geführt. Bei aller berechtigter Kritik an diesen Institutionen: Ohne sie wäre der Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg nicht so reibungslos verlaufen. Was aber kann man von Bretton Woods II erwarten? Eine An­passung der Strukturen an die Realitäten des 21. Jahr­hunderts. IWF und Weltbank werden heute weitgehend von den USA und Europa dominiert, eine nicht mehr zu rechtfertigende Arroganz des Westens: Die Weltwirtschaft wird heute immer stärker von aufstrebenden Entwicklungs­ländern wie China, Indien oder Brasilien in Schwung gehalten. Am Anfang einer neuen Finanzstruktur muss deshalb die Einsicht in die neuen geopolitischen Macht­verhältnisse stehen.