Sonntagszeitung, 8. Juni 2008
Das Prinzip Castingshow
Publizist Philipp Löpfe über die nächste Runde in der Finanzkrise
Streng genommen sollte das Fernsehen die Realität abbilden. Immer öfters erleben wir aber das Gegenteil: Die Wirklichkeit passt sich den TVFormaten an. Auf reale Ereignisse reagieren wir wie das Publikum einer der zahllosen Castingshows wie «Big Brother» oder «Superstar». Diese funktionieren nach dem Prinzip, dass nach jeder Runde ein Teilnehmer heimgeschickt wird, bis schliesslich der Sieger feststeht. Das Ausscheiden sorgt für viel Emotionen, ist jedoch harmlos. Am Schluss wird alles gut.
Das Castingshow-Prinzip ist daran, sich auch im Sport durchzusetzen. Aus dem Camp der Fussballnati mussten zwei Unglückliche abreisen, ehe die EM begann. Was soll daran schlimm sein? Sport ist letztlich eine Untergattung des Showbusiness. Nichts, aber mittlerweile werden selbst Ereignisse nach dem Castingshow-Prinzip abgehandelt, die gar nichts mit Show am Hut haben, beispielsweise die Finanzkrise.
Die aktuelle Finanzkrise ist eine ernsthafte Bedrohung für die Weltwirtschaft. Es ist nicht so, dass sich nur ein paar Banker auf dem USImmobilienmarkt heftig verzockt hätten. Die so genannte Subprime-Krise war bloss der Auslöser einer noch viel gravierenderen Krise; das internationale Finanzsystem wird auf den Kopf gestellt. Perverserweise fliessen heute Spargelder aus den armen Ländern in die reichen und ermöglichen dort hoch riskante Spekulationen.
Das alarmiert selbst den erfolgreichsten Spekulanten der Gegenwart, George Soros. Er spricht von der schwersten Krise seit der Grossen Depression, warnt vor einem möglichen GAU und fordert eindringlich Korrekturen.
Ganz anders, wenn das Castingshow- Prinzip zuschlägt: Zuerst gibt es auch Krisen und Emotionen, dann wird analysiert und ausgemistet. Diesmal hat es die UBS und vor allem Marcel Ospel erwischt; er musste über die Klinge springen. Die Chefs von CS und der Deutschen Bank haben Glück gehabt.
Die nächste Runde ist bereits eingeläutet. Sie verspricht erneut Spannung und Dramatik. Josef Ackermann gibt sich mutig und erklärt, das Schlimmste sei überstanden. Wird er Recht bekommen? Die «Financial Times» berichtet von einer Bankier- Tagung in Cannes, an der offenbar diskutiert wurde, wie man den Russen die berühmt- berüchtigten CDOs, die gefährlichen Derivative, schmackhaft machen kann. Wer verspekuliert diesmal 40 Milliarden? Mehr dazu in einer Woche, auf diesem Kanal.
