Sonntagszeitung, 12. Oktober 2008
Denkart von Kolonialisten
Publizist Philipp Löpfe über die Rassenfrage im US-Wahlkampf
In der zweiten Debatte der beiden Präsidentschaftskandidaten
verglich sich John McCain mit Theodore Roosevelt. Der legendäre Präsident hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kartelle von Rockefeller & Co. zerschlagen, die Nationalparks gegründet und die Spanier aus Kuba vertrieben.
McCain wollte so doppelt punkten. Er setzte sich auf die Liste der grossen US-Staatsmänner und liess zugleich das mächtigste Vorurteil gegen Barack Obama anklingen: seine Rasse.
«Sprich leise, aber trage einen grossen Knüppel mit dir», lautet das berühmte Zitat von Roosevelt, das McCain für sich in Anspruch nahm und damit unterschwellig sagen wollte: Weisse Männer handeln rational und abgeklärt, Schwarze sind unerfahren und lassen sich von ihren Emotionen treiben. Seit der Kolonialzeit ist dieses Denkmuster in den Köpfen westlicher Menschen verankert.
Was viele befürchtet haben, tritt jetzt ein: Die Rassenfrage schiebt sich immer stärker in den Vordergrund des Wahlkampfs. Sachlich scheint das Rennen gelaufen zu sein.
Obama hat beide TV-Duelle für sich entschieden und führt in den Meinungsumfragen deutlich, vor allem in den entscheidenden «Swing»-Staaten wie Florida und Ohio. Die Kampagne von McCain hingegen läuft aus dem Ruder. Der Republikaner verwickelt sich in der Wirtschaftspolitik in immer neue Widersprüche, er wirkt alt, und es ist offensichtlich, dass er mit Sarah Palin als Vizepräsidentin einen fürchterlichen Missgriff getan hat.
Panik macht sich bei den Republikanern breit, Beisshemmungen fallen. Absurde Verbindungen Obamas zu angeblichen Terroristen werden konstruiert, zu einem gewissen William Ayers beispielsweise. Vor kreischenden Anhängern sagte Sarah Palin über Obama Sätze wie «Das ist kein Mann, der Amerika so sieht, wie ihr Amerika seht». In konservativen Radioshows wird an der Mär festgehalten, der Kandidat der Demokraten sei ein Muslim, wobei Muslim als Codewort für «Neger» zu verstehen ist.
Wie reagiert Obama auf die Schlammschlacht? Er stellt das Vorurteil der angeblich emotionalen Schwarzen auf den Kopf und bleibt rational und abgeklärt. «Senator McCain ist der Typ, der gesungen hat: ‹Bomb, bomb, bomb, Iran›, und der für die Auslöschung von Nordkorea plädierte», parierte er den Angriff seines Kontrahenten.
«Ich denke nicht, dass dies ein Beispiel von ‹leise sprechen› ist.»
