Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 16. März 2008

Der Krieg um Talente

Publizist Philipp Löpfe über Privilegien

Bis weit in die Achtzigerjahre war IBM das coolste Unternehmen der Welt. Es verkörperte die Zukunft, und zwar gleich doppelt: Computer standen für den technischen Fortschritt, und IBM war ein Vorbild in Sachen Unternehmenskultur. Es war eigentlich keine Firma, sondern eine grosse Familie. IBM-Mitarbeiter wurden nicht nur ein Leben lang angestellt, sie verbrachten ihr Leben in der Firma. Auch in der Freizeit: IBM verfügte über eigene Sportanlagen, eigene Weiterbildung und eigene Feriencamps.
Die Loyalität der Mitarbeiter war grenzenlos. Man erkannte sie am blauen Anzug – IBM wurde deswegen auch «Big Blue» genannt – und viele von ihnen liessen sich im Telefonbuch gar ausdrücklich als «IBM-Mitarbeiter» eintragen. Zyniker bezeichneten den Computerriesen deswegen gelegentlich als Sekte.

IBM war ein Spezial-, aber kein Einzelfall. Firmenloyalität wurde auch hier zu Lande gross geschrieben. Swissair- Mitarbeiter waren geradezu pathologisch stolz auf ihre Firma. Nicht jedes Unternehmen verfügte über so viel Prestige wie die Swissair, aber die meisten wollten ihren Mitarbeitern mehr bieten als eine Uhr zum Dienstjubiläum.
Die Banken etwa liessen ihren Angestellten kleine Privilegien jeglicher Art zukommen und an den schönsten Plätzen moderne Sportanlagen errichten. Heute erscheint dies wie eine Geschichte von einem anderen Planeten. Die Sportanlage der CS beim Zürcher Zoo etwa wurde längst an die Fifa verkauft. Die kleinen Privilegien sind unter dem Protest der Angestelltenverbände gestrichen worden. Die Personalabteilungen, die inzwischen Human Resources heissen, sind damit beschäftigt, den Mitarbeitern klar zu machen, dass sie «empowered» seien, was so viel heisst wie: Es ist vorbei mit der Loyalität.

Heute wird wieder von einem «Krieg um Talente» gesprochen. Gemeint ist damit aber nicht mehr der Wettkampf um gut ausgebildete Facharbeiter. Umworben wird eine schmale Elite von vermeintlich genialen FührungskraÅNften. In der Finanzindustrie ist dieser Krieg in eine eigentliche Boni-Schlacht ausgeartet. Investmentbanker haben dreistellige Millionengehälter, Hedge-Fund- und Private-Equity-Manager gar Milliarden kassiert, pro Jahr. Einmal mehr zeigt sich jedoch, dass Krieg verheerende Folgen für die Wirtschaft hat. Das Finanzsystem befindet sich derzeit in der schlimmsten Krise seit dem ZweitenWeltkrieg.