Sonntagszeitung, 15. Juni 2008
Der Mann im Spiegel
Publizist Philipp Löpfe über die Aussichten von Barack Obama
Glauben Sie, dass ein Mann wie Barack Obama in der Schweiz Bundespräsident werden könnte? Um es auf die realen Verhältnisse herunterzubrechen: Glauben Sie, dass ein Mann (oder eine Frau) mit serbischem Vater und Schweizer Mutter, der seine Jugend in der Türkei verbracht hat und dessen Verwandte in Afrika leben, in absehbarer Zeit in unsere Regierung gewählt wird?
Die Antwort ist Nein. Trotzdem finden wir es ganz normal, dass es in den USA der Schwarze Obama geschafft hat, Präsidentschaftskandidat der Demokraten zu werden; und selbstverständlich, dass er im Herbst auch gewählt wird.
Wir Schweizer sind nicht die Einzigen, die schizophren auf Obama reagieren. Er löst rund um den Globus viele Emotionen aus. Das trübt den sachlichen Blick. Er sei sympathisch und eloquent, aber viel zu brav, ist eine weit verbreitete Ansicht, die sich aber nur schwer stützen lässt. Der Senator aus Illinois hat soeben die furchterregendste Politkampfmaschine Amerikas niedergerungen – die Clintons.
Dazu braucht es mehr als ein gutes Aussehen und gut klingende Sätze. Trotzdem gilt Obama als Schönschwätzer, der allen nach dem Munde redet. Dabei hat er mit «The Audacity of Hope» vor zwei Jahren ein Buch veröffentlicht, das brillant geschrieben ist und ein kohärentes politisches Weltbild darstellt. Welcher Schweizer Politiker kann das von sich behaupten?
Es ist schlicht unmöglich, heute eine seriöse Voraussage zum Ausgang der US-Wahlen zu machen. Aber allein die Tatsache, dass es Obama so weit gebracht hat, ist ein Triumph, nicht nur für ihn und seine Partei, sondern für Amerika überhaupt. Das habe mehr Gutes für den Ruf der USA gebracht, als die «gesamte Bush-Diplomatie während sieben Jahren», stellt Thomas Friedman in der «New York Times» fest. Und der Franzose Dominique Moïsi zieht geistig seinen Hut. «Dank Obama ist Amerika wieder das emotionale Zentrum der Welt geworden», schreibt er in der «Financial Times».
Mehr als sieben Jahre George W. Bush haben auch bei uns Spuren hinterlassen. Amerikaner gelten als fett, hässlich und dumm, die USA als Land religiöser Fundamentalisten und gieriger Wallstreet-Banker. Obama ist für uns eine Gelegenheit, uns mit der Realität Amerikas auseinander zu setzen. Dazu gehört auch das gute Amerika, dazu gehört Barack Obama.
