Philipp Löpfe

Im Tiergarten 17, 8055 Zürich
Telefon +41 44 248 45 43
mail@philipp-loepfe.ch

Sonntagszeitung, 23. November 2008

Der Präsident das Kultojekt

Barack Obama gilt als Technofreak. Als frisch gewhlter Prsident der USA muss er nun aber seine Vorliebe zu moderner Technologie zügeln. Den iPod mit Bob-Dylan-Songs wird er wohl auch im Weissen Haus benützen drüfen. Von seinem Blackberry zum Telefonieren und E-Mail-Empfang wird er sich hingegen trennen müssen, und zwar aus Sicherheitsgründen. Dem Geheimdienst ist das Gerät zu wenig geschützt vor dem Zugriff von Hackern und Spionen. Ausserdem gibt es in den USA ein Gesetz, den Presidential Records Act, das den Bewohner des Weissen Hauses verpflichtet, seine Korrespondenz auf offiziellem Weg abzuwickeln und nach Ende seiner Amtszeit der Ö­ffentlichkeit zugänglich zu machen.

Der Blackberry ist mehr als ein technisches Gerät, er ist ein Kultobjekt, das grosse Emotionen weckt.
Eine davon ist das Bedürfnis nach Prestige. Die Benützer zeigen ihrer Umwelt, wie wichtig sie sind, dass sie immer erreichbar sein müssen, weil ohne sie keine Entscheide gefällt werden können. Jeder Manager, Banker oder Anwalt, der etwas auf sich hält, hat einen und benutzt ihn oft pausenlos – zum Ä­rger der Mitmenschen. Dieser Dauereinsatz hat einen weiteren Grund: Blackberrys machen süchtig. Die Besitzer kontrollieren zwanghaft ihre E-Mails und geben zu allem ihren Senf dazu. Es soll Menschen geben, die trotz hohem Scheidungsrisiko den Blackberry gar mit ins Ehebett nehmen.

Blackberrys sind Vorboten des wichtigsten Trends des 21.Jahrhunderts: Mensch und Maschine wachsen immer mehr zusammen. Ohne IT-Unterstützung können wir bald unsere Autos nicht mehr lenken, ohne GPS unsere Ziele nicht mehr finden und ohne Google unseren Job und unseren Alltag nicht mehr bewältigen. Die Maschinen verlieren dabei ihren mechanischen Charakter und werden ein normaler Teil von uns. Bald werden Chips in unsere Kleider genäht oder direkt in den Körper gepflanzt, und Futuristen gehen davon aus, dass bald ein Interface im Gehirn normal sein wird. So gesehen ist es tröstlich, dass der mächtigste Mann der Welt vorläufig noch auf seinen Blackberry verzichten muss.