Sonntagszeitung, 19. Oktober 2008
Die Zündung ist kaputt
Publizist Philipp Löpfe über Flickerei am Finanzmotor
Um die Bedeutung einer Finanzkrise für die Volkswirtschaft zu erläutern, hat John Maynard Keynes folgenden Vergleich gewählt: Es sei so, wie wenn beim Auto die Zündung kaputt sei, meinte der bedeutendste Ökonom des letzten Jahrhunderts. Der Wagen würde zwar nicht anspringen, sei aber keineswegs abbruchreif.
Ein geschickter Mechaniker sei in der Lage, das Problem zu lösen.
Die aktuelle Finanzkrise ist zweifellos eine grosse Bedrohung für die Weltwirtschaft und unseren Wohlstand.
In den Worten von Keynes: Die Zündung ist defekt, und alles ist blockiert. Doch zum Glück gehen die Mechaniker entschlossen ans Werk. Die Europäer haben sich nach einem missglückten Start auf einen Rettungsplan geeinigt, Gordon Brown und Nicolas Sarkozy sei Dank. Selbst die USA haben ihre Sanierungsbemühungen mit der EU abgestimmt, ein Wunder: Bisher ist die Regierung von George W. Bush ja nicht dadurch aufgefallen, dass sie auf nicht amerikanische Stimmen gehört hätte. Das Bewusstsein, dass diese Krise nur gemeinsam gemeistert werden kann, ist vorhanden und damit die Voraussetzung, dass sich die Märkte wieder beruhigen.
Der legendäre Investor Warren Buffett ist überzeugt, dass die Weltwirtschaft auch diese Krise meistern wird.
«Kauft Amerika, ich tue es auch», forderte er am Freitag seine Landsleute in der «New York Times» auf und verriet, dass er im Begriff sei, sein ganzes Privatvermögen (nicht das seines Investmentvehikels Berkshire Hathaway) in Aktien anzulegen. «Die Angst, dass viele gesunde Unternehmen dieser Nation untergehen werden, macht keinen Sinn», schreibt er. «Natürlich werden sie Gewinneinbrüche verkraften müssen. Aber die meisten dieser Unternehmen werden in 5, 10 oder 20 Jahren wieder Rekordgewinne ausweisen.»
Die aktuelle Finanzkrise hat eine Flut von Spekulationen über die Entwicklung der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Menschheit ausgelöst.
Das meiste dürfte weit übers Ziel hinausschiessen. Wahrscheinlich ist, dass die Finanzindustrie mit härterer Überwachung rechnen muss, und es ist zu hoffen, dass die absurden Boni für Manager verschwinden. Doch der Kapitalismus ist so wenig am Ende wie die Supermacht USA. Informations-, Bio- und Nanotechnologie, die Zukunftstechnologien schlechthin, werden nach wie vor von den Amerikanern beherrscht.
Das wird sich auszahlen – sobald der Wagen wieder angesprungen ist.
