Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 27. Januar 2008

Gammlige Würste

Publizist Philipp Löpfe über fette Boni und magere Renditen

Das Gute an der aktuellen Krise an den Finanzmärkten ist: Wir erhalten Einblick in die Welt der Banken. Was wir dabei erfahren, ist allerdings wenig erbauend. Ein Beispiel ist ein ungeschriebenes Gesetz, das offenbar unter Investmentbankern gilt. Es lautet: Iss nie deine eigene Wurst. Was das bedeutet, erklärt der erfolgreiche Hedge- Fund-Manager Andy Kessler im «Wall Street Journal» vom 24. Januar. Die neuen Finanzprodukte wie die Collateralized Debt Obligations (CDO) haben für die Banken grosse Vorteile: Sie sind so kompliziert strukturiert, dass kein Kunde sie versteht, und können deshalb schweineteuer verkauft werden. Sie ermöglichen im richtigen Umfeld kurzfristig grosse Gewinne und sichern damit dem Banker fette Boni. Allerdings: Wer dabei dummdreist vorgeht, kann sich auch die Finger verbrennen. Man muss, empfiehlt Kessler, die eigenen «Würste» strikt den Kunden andrehen, niemals aber ins eigene Depot legen.

Gegen diese Regel haben Banken wie die Citigroup, Merrill Lynch und die UBS verstossen. Sie haben ihre CDOs zwar hübsch verpackt, aber zu wenig rasch verkauft. Sie haben sich von den kurzfristig hohen Renditen blenden lassen. Jetzt sitzen sie auf CDO-Beständen in zweistelliger Milliardenhöhe und haben Mühe, die Ware loszuwerden. Niemand, warnt Kessler, aber wirklich niemand wird diese «Würste» kaufen, bevor er nicht haargenau weiss, was sich darin befindet. Das aber sind für die betroffenen Banken schlechte News. Das Geschäft ist futsch, ihre «Würste» werden an Wert verlieren.

Ganz anders sieht es bei Banken wie Goldman Sachs und JP Morgan aus. Sie haben sich an die Regel gehalten und nicht von ihren «Würsten » genascht. Jetzt werden sie dafür belohnt. Kessler erwartet, dass sich die Lage an den Finanzmärkten bald beruhigen und das grosse Fressen weitergehen wird. Nicht für alle wird es lustig werden. Kessler meint, dass die Verlierer in den Mägen der Gewinner enden, dass beispielsweise Goldman Sachs die Citigroup übernimmt oder JP Morgan Merrill Lynch (über das Schicksal der UBS schweigt er sich aus). Ein redlicher Weinbauer trinkt gerne einen Schluck mit, ein ehrlicher Metzger ist stolz auf seine Würste. In der Welt der Banken gilt offenbar das Gegenteil. Dort wird man gefressen, wenn man den eigenen Produkten vertraut. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren: Irgendetwas ist Martin Suter, faul in dieser Welt, oberfaul.