Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 23. März 2008

Götter des Mammons

Publizist Philipp Löpfe über die Rettung von Bear Stearns

Der Untergang des Hauses Bear Stearns ist der bisherige Höhepunkt der Krise, die das internationale Finanzsystem lähmt. Nach der dramatischen Rettungsaktion der US-Notenbank und JPMorgan Chase bleiben drei Grundsatzfragen:

Erstens: War der Eingriff nötig? Ja. Normalerweise arbeitet der freie Markt gut. Doch gelegentlich verwandeln sich die positiven Feedbacks der Marktkräfte in ihr Gegenteil und werden bösartig. Es entsteht eine destruktive Negativspirale, die sich nicht umkehren kann. In der Ökonomie spricht man dann von einem Marktversagen. Das war bei Bear Stearns offensichtlich der Fall. Wie gefährlich sich die Situation zugespitzt hat, macht eine brillante Reportage des «Wall Street Journal» deutlich. Sie zeigt, dass die Investmentbank nicht mehr in der Lage war, ihren Verpflichtungen am Repo-Markt nachzukommen. Wenn dies bei einer Bank von der Grösse von Bear Stearns der Fall ist, dann heisst dies metaphorisch gesprochen: Es ging darum, dass in einem Auto das Getriebe zu blockieren drohte. Weiterfahren hätte den Kollaps des Systems bedeutet.

Zweitens: Werden jetzt die Schurken, die gierigen Banker, vom Staat gerettet? Nein. Es wird zwar vielfach behauptet, dass es sich bei dieser Rettungsaktion um «Sozialismus für Reiche» handelt. Das ist Unsinn. Die Banker haben einen kräftigen Schluck ihrer eigenen Medizin verpasst bekommen. Bear Stearns wurde zu einem Spottpreis verkauft. Die Angestellten besitzen rund ein Drittel der Aktien. Diese haben über Nacht mehr als 90 Prozent ihres Wertes verloren, die Angestellten sind um Milliarden ärmer geworden. Nicht, dass Sie deswegen übertrieben Mitleid haben müssten. Bear-Stearns-Banker gelten als Zigarren-rauchende, Hosenträger-tragende Macho-Kapitalisten.

Drittens: Werden sich die Märkte jetzt beruhigen? Vielleicht. Die Finanzkrise ist ja in erster Linie eine Vertrauenskrise, ihre Bewältigung somit letztlich eine Frage der Psychologie. Die «Financial Times»-Autorin Gillian Tett vertritt deshalb folgende These: Mit dem Fall des Hauses Bear Stearns ist eine Art Opfer gebracht worden. Dieses Opfer wird reinigende Wirkung haben und helfen, die Götter des Mammons zu besänftigen. Interessant. Wenn Frau Tett Recht hat, müssten wir uns auch in der Schweiz nach einem geeigneten Opfer umsehen. Wie wäre es mit Marcel Ospel?