Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 25. Mai 2008

Höllenfahrt

Publizist Philipp Löpfe über die miserable Infrastruktur in den USA

Südafrika wird von Zynikern gelegentlich als Land bezeichnet, das eine Dritte-Welt-Bevölkerung und eine Erste-Welt-Infrastruktur hat.
Wer in New York am John F. Kennedy Airport landet und mit dem Taxi nach Manhattan fährt, der macht eine Erfahrung der anderen Art: Das Taxi scheint auf dem Schrottplatz entwendet worden zu sein, der Fahrer spricht gebrochen Englisch und vermittelt den Eindruck, als ob er nicht einmal weiss, auf welchem Kontinent wir uns befinden. Der Brooklyn- Queens Expressway, der in die Metropole führt, ist nicht nur völlig verlottert, sondern auch hoffnungslos überlastet.
Wer nun Geschäftspartner oder Verwandte über ein verspätetes Eintreffen informieren will, wird feststellen, dass auch das amerikanische Handy- Netz nicht unbedingt dem aktuellen Stand der Technik entspricht. Kurz: Die USA sind im Begriff, ein Land zu werden, das eine Erste-Welt- Bevölkerung mit einer Dritte- Welt-Infrastruktur hat.

Weshalb lassen sich die Amerikaner diese miese Infrastruktur bieten? Die USA sind nach wie vor die unbestrittene globale Supermacht, New York der wichtigste Finanzplatz der Welt. Nicht nur die holprigen Stadtautobahnen in New York oder einstürzende Brücken in Minneapolis sind das Problem. Die «Financial Times» bilanzierte den Zustand der amerikanischen Infrastruktur wie folgt: Die Staudämme sind in einer schrecklichen Verfassung, es gibt kein funktionierendes Eisenbahnnetz, und Fliegen im Sommer ist in den USA der blanke Horror.
Viele Entwicklungsländer haben heute einen besseren Standard. Die Chinesen haben eben den Bau von 97 Flughäfen beschlossen. In Europa gibt es den TGV, in Japan den Shinkansen. Nicht nur der Nationalstolz der Amerikaner müsste verletzt sein, beschädigt wird auch der Wirtschaftsstandort USA.
Strassen werden aus Steuergeldern bezahlt, auch in den USA. Die fiskalische Belastung des amerikanischen Benzins ist rund zehnmal tiefer als in Europa. Trotzdem haben im Wahlkampf Hillary Clinton und John McCain den populistischen Vorschlag eingebracht, die Benzinsteuer im Sommer auszusetzen, die eine aus Verzweiflung, der andere aus Überzeugung.

Die Vorstellung jedoch, ein moderner Staat lasse sichmit immer weniger Geld aufrechterhalten, erweist sich als Illusion. Auch die Amerikaner werden sich entscheiden müssen: Wollen wir eine Erste-Welt-Infrastruktur oder möglichst tiefe Steuern?