Sonntagszeitung, 17. Februar 2008
Hoffnungsträger
Publizist Philipp Löpfe über Obama als Antithese zu Dr. House
Eine der derzeit erfolgreichsten TV-Serien heisst «Dr. House». Ihr gleichnamiger Held ist ein genialer, jedoch nur bedingt sympathischer Arzt, ein körperlich und seelischer Krüppel, der hinkt, Drogen schluckt, seine Mitarbeiter quält, seine Patienten verachtet und unfähig ist, mit seiner Ex-Frau und seiner Chefin vernünftig zu verkehren. Die Welt des Dr. House ist eine moderne Version des Alptraums, wie ihn sich der Philosoph Thomas Hobbes vorgestellt hat: Die Menschen sind auf sich selbst zurückgeworfen, Zynismus ersetzt Beziehungen, jeder kämpft gegen jeden und leidet für sich allein.
Hollywoods Traumfabrik arbeitet nicht losgelöst von der Realität. Die TV-Soaps und Filme bilden eine Art Chronik der psychischen Verfassung des amerikanischen Mittelstandes. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte grenzenloser Optimismus. In den Serien und Filmen dieser Zeit ging es darum, dass Mann und Frau ein paar Missverständnisse klären mussten, bis sie heirateten, Kinder kriegten und für immer glücklich waren. Materielle Sicherheit war kein Thema, zumindest für die weisse Bevölkerung nicht. Arbeit gab es genügend, die Lohntüte war gut gefüllt. So sicher wie das Amen in Kirchen war deshalb das heitere Gelächter am Schluss jeder TV-Episode.
Dr. House endet jeweils in einer Art existenzieller Leere, ausgebrannt wie die moderne amerikanische Mittelstandsfamilie. Diese wird gelegentlich mit dem Kürzel «Dins» versehen. Es steht für double income, no sex (doppeltes Einkommen, keinen Sex), denn inzwischen ist das Durchschnittseinkommen des US-Arbeitnehmers gesunken, dafür ist die Ehefrau an den Arbeitsplatz zurückgekehrt. Paare, die Kinder haben, sind oft rund um die Uhr beschäftigt: Ein Teil kümmert sich um die Kinder, der andere arbeitet. Der Stress zeigt Wirkung, der sprichwörtliche Optimismus der Amerikaner ist Vergangenheit: eine Mehrheit glaubt, dass es ihren Kindern schlechter gehen wird.
Barack Obama galt bis vor kurzem als äusserst talentierter Politiker mit einer grossen Zukunft – im Jahr 2016. Nach seinen jüngsten Erfolgen wird er immer ernsthafter als nächster Präsident der USA gehandelt. Obama hat den Zeitgeist erkannt und versteht es meisterhaft, auf ihm zu surfen. Er verströmt Wärme, Hoffnung, Optimismus und steht über den Parteien. Obama ist die Antithese zu Dr. House. Der amerikanische Mittelstand braucht wieder einen Hoffnungsträger.
