Sonntagszeitung, 11. Mai 2008
«Iron Man» im Kommen
Publizist Philipp Löpfe über den Sinn von Cyborgs
Nach «Superman» und «Spiderman» nun also «Iron Man». Das neueste Heldenepos wäre nicht der Rede wert. Doch erstens entwickelt sich der Film zum Renner, und zweitens schafft es die Traumfabrik Hollywood immer wieder, ihre Märchen mit ein paar spannenden Brocken Realität anzureichern. In «Iron Man» dominieren zwar Pyrotechnik und Macho-Gehabe. Doch in die dümmliche «Held rettet Welt vor teuflischem Schurke»-Geschichte wird auch ein immer aktueller werdendes Problem der modernen Gesellschaft eingewoben: die Mensch-Maschine oder der Cyborg.
Der Iron Man wird von Robert Downey brillant gespielt, und er ist aus anderem Material geschnitzt als seine Vorgänger. Superman verfügt über übermenschliche Kräfte, weil er vom Planeten Krypton stammt. Als Mensch ist er ein schwächlicher und verklemmter Zeitungsreporter. Spidermans Superkräfte sind ebenfalls zufällig, das Resultat eines Bisses einer radioaktiven Spinne.
Iron Man hingegen wird zum unbesiegbaren Übermenschen, weil er es will, und weil er es kann. Der Sohn eines schwerreichen Waffenfabrikanten ist ein berüchtigter Playboy, der die teuersten Autos fährt und kritische Fragen von bildhübschen Journalistinnen im Bett beantwortet. Er ist aber auch ein genialer Ingenieur mit MIT-Abschluss und eigenem Forschungslabor in seiner Villa am Meer. Darin baut er sich selbst zum Cyborg um.
Inzwischen ist die Mensch- Maschine mehr als Sciencefiction. Der südafrikanische Sprinter Oscar Pistorius kämpft darum, an den Olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen. Er hat zwei künstliche Füsse, ist aber überzeugt, bald schneller zu rennen als die Konkurrenz.
Wie der Iron Man sind auch Piloten bereits in der Lage, Flugzeuge allein mit ihren Gedanken steuern. Wissenschafter beginnen, mit Chips und Interface im eigenen Körper zu experimentieren. «Wir sind im Begriff, Metall und Biologie miteinander zu verknüpfen», sagt der britische IT-Professor Kevin Warwick. Iron Man ist die Verwirklichung dieses Traums, der perfekte Cyborg.
In der Hollywood-Fiktion erhält er lächerliche Zusatz- Funktionen, er kann fliegen und Waffen bedienen. Im wirklichen Leben wird er dies nicht brauchen. Der Cyborg wird nicht eine Wunderwaffe im «Krieg gegen den Terror». Er wird zur Überlebenshoffnung im immer härteren Standortwettbewerb einer globalisierten Wirtschaft.
