Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 21. Dezember 2008

Kognitive Dissonanz

In der Finanzwelt wird nicht mehr geschummelt, sondern handfest betrogen

Wenn jemand bei den Steuern schummelt und gleichzeitig die Steuerhinterziehung der anderen anprangert, dann sprechen Psychologen von kogni­tiver Dissonanz. Das Phänomen, dass Wahrnehmung und Handeln nicht immer hundertprozentig über­einstimmen, ist normal. Ja es ist sogar menschlich, perfekt sind schliesslich nur Maschinen. Doch die Grenze zwischen harmlosem Schummeln und gefähr­lichem Betrug ist fliessend. In der modernen Finanz­industrie ist sie definitiv überschritten worden.
Der grosse Bluff von Bernard Madoff ist eigentlich nur mit einer Überdosis an kollektiver kognitiver Dissonanz zu begreifen.

Wie sonst kann man erklären, dass unter den Augen der schärfsten Börsenaufsicht und der versammelten Finanzelite 50 Milliarden Dollar in einem Schnee­ballsystem vernichtet werden? In der Regel werden solche Betrügereien von Profis rasch entdeckt und dauern höchstens ein paar Monate. Im Fall Madoff jedoch haben sich Aufsichts­behörde und Hegde-Fund­ Manager auf fast unglaub­liche Art und Weise während Jahrzehnten an der Nase herumführen lassen.

Nur mit Charme und Charisma konnte Madoff diese Nummer nicht durch­ziehen.
Er hat davon profi­tiert, dass in der Finanzindu­strie Betriebsblindheit der Normalzustand wurde.
Kein Wunder, bei diesen Anreizsystemen: Wenn Banker Boni erhalten, die bis zu hundertmal höher sind als ihr Gehalt, wenn zweistellige Renditen oder Wertsteigerungen von Immobilien als völlig normal angesehen werden, dann sind die Bedingungen für kognitive Dissonanz ideal. Wer wird da noch fragen,
weshalb die Gans goldene Eier legt?

Im Fall Madoff sind die Geldprofis davon aus­gegangen, dass der Mann ein bisschen schummelt.
Nur harmlos halt: da ein bisschen Insiderinforma­tionen und dort ein wenig, was man im Fachjargon Front-Runnig nennt. Darüber kann man gross­zügig oder sogar augenzwinkernd hinwegsehen.
Schliesslich sind wir alle keine Engel. Mit dieser Toleranz ist jetzt Schluss.
Der Fall Madoff zeigt: In der modernen Finanz­wirtschaft wird nicht mehr harmlos geschummelt, sondern handfest betrogen. Und das Ganze hat System.