Sonntagszeitung, 13. April 2008
Maestro oder Buhmann
Publizist Philipp Löpfe über den ehemaligen Fed-Chef Alan Greenspan
Bei der aktuellen Debatte um Alan Greenspans Rolle in der Subprimekrise geht es nur vordergründig um seinen Ruf. Ob der ehemalige Fed- Vorsitzende als Maestro oder Blasenerzeuger in die Geschichte eingeht, ist nebensächlich. Die entscheidende Frage lautet: Gibt es ein «Marktversagen», und müssen deshalb die Finanzmärkte einer globalisierten Wirtschaft stärker reguliert werden? Alan Greenspan war rund 18 Jahre lang Vorsitzender der amerikanischen Notenbank. Er hat nach dem Crash von 1987 mit einer expansiven Geldpolitik den längsten Boom der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte eingeleitet und orchestriert. Neuerdings wird ihm vorgeworfen, er habe mit zu tiefen Zinsen die Entstehung der Immobilienblase verursacht und sei deswegen letztlich schuld an der schlimmsten Finanzkrise seit der Grossen Depression.
Greenspan ist ein in der Wolle gefärbter Neoliberaler und bekennender Anhänger der Schriftstellerin Ayn Rand, der Hohepriesterin der Marktanbeter. In seiner letzten Herbst erschienenen Autobiografie legt er die Grundlagen seiner Geldpolitik offen: Er befürwortet die neuen Anlagevehikel wie Hedge Funds genauso wie die neuen Finanzinstrumente. Beide, so Greenspan, sind nützlich, weil sie einen effizienteren Einsatz des Kapitals ermöglichen, und beide können und sollen vom Staat nicht reguliert werden. Das führt zu unvermeidlichen Krisen, die aber vom Finanzsystem gemeinsam mit der Notenbank gemeistert werden können. Ein Marktversagen hingegen bleibt eine «seltene Ausnahme», mit Immobilien- und anderen Blasen müssen wir leben lernen. Staatseingriffe stiften mehr Schaden als Nutzen.
Ganz anders ist die Position von Greenspans Nachfolger, Ben Bernanke. Zwar ist auch er ein überzeugter Wirtschaftsliberaler. Doch er betrachtet die aktuelle Krise als Marktversagen in grossem Stil. Mit gutem Grund: Inzwischen schätzt der IWF, dass die Krise gegen eine Billion Dollar kosten wird. Wahrscheinlich sind Hedge Funds und CDOs nicht ganz so harmlos, wie Greenspan vermutet. Deshalb kämpft Bernanke verzweifelt und mit Hilfe des Staates darum, den Schaden zu begrenzen. Der Fed-Chef stellt die Doktrin seines Vorgängers auf den Kopf. Sie lautet nun: Weil es ein Marktversagen gibt und dieses das System bedroht, kann der Kapitalismus nicht gegen, sondern nur mit Hilfe des Staates überleben.
