Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 10. August 2008

Neue Schwestern

Publizist Philipp Löpfe über die neuen Ölmultis

Mit dem Begriff «die siebenSchwestern» waren ursprünglich die internationalen Ölkonzerne gemeint, und zwar: Exxon, Mobil, Chevron, Gulf, Texaco, Shell und BP. Der Begriff gehörte zum Repertoire der 68er und wird auch heute noch gerne verwendet, wenn es um Macht und Reichtum der Ölmultis geht.
Geprägt wurde er von Enrico Mattei, selber ein Öltycoon. Der Chef des italienischen Energiekonzerns ENI fühlte sich in den Fünfzigerjahren von Amerikanern und Briten an die Wand gedrängt und sprach deshalb von einem Kartell der «Sette sorelle». Die Wut des streitbaren Italieners mag damals berechtigt gewesen sein, auch wenn er aus OpportunitaÅNtsgründen die «achte Schwester», die französische Total, unterschlug. In der Nachkriegszeit war das Ölgeschäft, also die Macht, fest in angelsächsischen Händen.

Von den sieben Schwestern haben vier überlebt. Exxon hat Mobil geschluckt, Chevron Texaco und Gulf. Geblieben ist der Volkszorn. Linke und rechte Politiker machen gerade jetzt wieder die Ölmultis verantwortlich für die explodierenden Benzinpreise und fordern gesetzliche Gegenmassnahmen.
Jüngstes Beispiel: Nachdem Exxon den höchsten Quartalsbericht aller Zeiten gemeldet hatte, schlägt der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama vor, diese Rekordgewinne mit einer Sondersteuer zu belegen. Seine Begründung: Hinter diesen Gewinnen stehe keine unternehmerische Leistung, sondern sie seien einzig durch günstige Umstände entstanden; es handle sich somit um sogenannte Windfall Profits.

Allen Rekordgewinnen zum Trotz geht die Entwicklung im Erdölgeschäft in eine ganz andere Richtung. Mit freiem Markt hat es immer weniger zu tun, der Staatskapitalismus hat sich durchgesetzt. Staatlich kontrollierte Gesellschaften besitzen heute rund 80 Prozent der vermuteten Erdölreserven. Wladimir Putin, Hugo Chávez und Co. haben gleichzeitig den privaten Ölmultis mehr als deutlich gemacht, dass sie höchstens noch geduldet sind. In Russland sind Shell und BP kalt abserviert worden. Die einst so mächtigen Schwestern müssen ans Eingemachte gehen und werden bald ihre Reserven aufbrauchen.
Ohne Öl und Gas wird die Wirtschaft aber auf absehbare Zeit nicht auskommen. Deshalb sind sieben neue Schwestern entstanden. Sie heissen: Saudi Aramco, Gasprom (Russland), Petro China, National Iranian Oil Company, Petrobras (Brasilien), Petronas (Malaysia) und Petroleos de Venezuela.