Sonntagszeitung, 14. Dezember 2008
Öko-Trabi oder Auto 2.0?
Die Krise von Chrysler, GM und Ford ist für Thomas Friedman ein Geschenk des Himmels
In den USA sucht man einen «Autozaren», eine unabhängige Persönlichkeit, die dafür sorgen soll, dass GM, Ford und Chrysler mit staatlicher Hilfe wieder auf die Beine kommen. Um diesen Autozaren ist bereits eine heftige Kontroverse entbrannt. Das konservative «Wall Street Journal» steht der Idee höchst misstrauisch gegenüber. Es vermutet dahinter eine Art Trojanisches Pferd, mit dem gefährliches Gedankengut nach Detroit geschmuggelt werden soll.
Es gehe gar nicht darum, die amerikanische Autoindustrie
und Hunderttausende von Jobs zu retten, argwöhnt das Blatt, sondern darum, «GM und die anderen in grosse grüne Maschinen zu verwandeln ». Künftig werden weltfremde Technokraten des Staats dafür sorgen, dass Autos gebaut werden, die nicht dem Geschmack der Kunden entsprechen. Deshalb werde der Staat bald dazu übergehen müssen, diese ungeliebten Öko-Trabis nicht nur zu subventionieren, sondern sie den Kunden mit Bussen und Gesetzen geradezu aufzuzwingen.
Die links-liberale «New York Times» kommt zu einem ganz anderen Schluss. Der Kollaps in Detroit ist für den Kolumnisten Thomas Friedman ein gigantisches Management-Versagen. Die Autokonzerne ohne Auflagen mit Steuergeldern aufzupäppeln, wäre deshalb verantwortungslos. Schliesslich, so vermerkt Friedman, hat das 1908 gebaute T-Model von Henry Ford weniger Benzin verbraucht als die meisten 2008 gebauten Wagen. Die Krise von GM, Ford und Chrysler ist für ihn ein Geschenk des Himmels, eine Chance, die US-Autoindustrie endlich aus ihrer Agonie zu erlösen und ein zukunftsträchtiges, auf Elektroautos basierendes Verkehrssystem aufzubauen. Ein solches System muss mit dem bestehenden vollständig brechen, Auto 2.0 muss sich am Internet orientieren.
Friedman führt Steve Jobs und Apple als Vorbilder an: «Es braucht die richtige Autobatterie – den iPod dieser Geschichte – und das richtige nationale Netzwerk – den iTunes-Laden –, damit dieses Modell funktioniert.»
Öko-Trabi oder Auto 2.0? Die Diskussion um einen US-Autozaren nimmt vorweg, was auch uns bevorsteht, die Debatte um die Frage: Kann der Markt ein umweltgerechtes Verkehrssystem hervorbringen, oder braucht es dazu den sanften Druck des Staats?
