Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 5. Oktober 2008

Pearl Harbour

Publizist Philipp Löpfe über die Lichtgestalt Warren Buffett

Wallstreet und seine Investmentbanker, Hedge-Fund-Manager, Spekulanten und Financiers mögen verhasst sein wie noch nie. Ausgerechnet der berühmteste und reichste Investor auf dem Planeten, Warren Buffett, entwickelt sich im Chaos der Finanzkrise zur Lichtgestalt.
Während die smarten Wallstreet-Jungs ängstlich auf ihrem Geld sitzen, macht der Investor aus dem Provinzkaff Omaha sein Portemonnaie weit auf und tut das, was Investoren auch in garstigen Zeiten tun sollten: Er investiert. Für 3 Milliarden Dollar hat er sich bei General Electrics eingekauft, 5 Milliarden hat er bei Goldman Sachs investiert. Dies, obwohl rund um ihn die Finanzwelt zusammenzubrechen scheint.

Wenn es ums Geld geht, versteht Buffett nach wie vor keinen Spass. Es ist zwar bekannt, dass er sein Vermögen nach seinem Tod der Bill-Gates-Stiftung vermachen wird. Doch es ist nicht Altersmilde, die ihn jetzt wieder umtreibt und Geld ausgeben lässt wie ein betrunkener Matrose. Buffett ist ganz in seinem Element, schliesslich hat er in seiner langen Karriere einige seiner erfolgreichsten Anlageentscheide gefällt, als alle anderen längst die Hoffnung aufgegeben hatten.
Das dürfte auch diesmal nicht anders sein. Er kauft jetzt im Globus zu Aldi-Preisen ein und wird so wahrscheinlich einmal mehr ein Vermögen verdienen. Buffetts Milliardengewinne erwecken keinen Neid. Er ist keine «Heuschrecke» und löst weder beim Management noch bei Mitarbeitern Angst und Schrecken aus. Wenn er einsteigt, wird rundum aufgeatmet: Buffett als Investor ausweisen zu können, ist das beste Gütesiegel, das sich ein Unternehmen derzeit wünschen kann. Als sogenannter Value-Investor hechelt er nicht kurzfristigen Trends nach, sondern er investiert langfristig.

Warren Buffett ist das Gewissen der Finanzwelt geworden. Seit langem gehört er zu den schärfsten Kritikern der unsinnig hohen Managergehälter. Er war ein früher Warner vor den neuen derivativen Finanzinstrumenten. Er hätte also allen Grund, sich in einer besserwisserischen Ich-habees-ja-gesagt-Pose feiern zu lassen. Stattdessen kämpft er zuvorderst gegen die Panik.
Wallstreet erlebe derzeit sein Pearl Harbour, verkündete Buffett und unternimmt alles, ein Debakel zu verhindern, macht Kleininvestoren Mut und fordert von renitenten Politikern Unterstützung für den Rettungsplan. Alles nach dem Motto: Investiere – und sprich darüber.