Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 16. November 2008

Schicksalsfrage

Publizist Philipp Löpfe über den Niedergang der US-Autoindustrie

Soll der Staat GM, Ford und Chrysler retten oder nicht? Das ist eine Frage, die nicht nur Autofans interessiert. Sie ist zu einer Schicksalsfrage geworden, denn die Art und Weise, wie der neugewählte US-Präsident das heikle Problem lösen wird, könnte wegweisend sein, wie sich das Verhältnis von Staat und Wirtschaft in der nun global gewordenen Rezession entwickeln wird. Zuerst zu den Fakten: Alle drei US-Autohersteller liegen bereits jetzt auf der Notfallstation im Koma. GM allein verliert rund eine Milliarde pro Monat. Die Autoverkäufe in den USA sind um rund einen Drittel eingebrochen. Sie werden sich in nächster Zeit nicht erholen, weil die Autohersteller mir unsinnigen Rabatten die Verkäufe in den letzten Jahren angeheizt und so für eine sehr moderne Flotte gesorgt haben. Die meisten Amerikaner haben noch auf Jahre hinaus keinen Grund, einen neuen Wagen zu kaufen. Schlechte Aussichten also für die rund 200'000 Mitarbeiter, die direkt von den Grossen Drei aus Detroit beschäftigt werden. Zudem sind Millionen indirekt bei den Zulieferfirmen angestellt, und Millionen von Pensionären sind auf die Renten angewiesen

GM, Ford und Chrylser sind ein Paradebeispiel von Missmanagement. Sie haben aus den Erfahrungen der 80iger Jahre nichts gelernt, weiterhin das Glück in schweren Trucks und Benzin schluckenden SUVs gesucht. Dabei haben sie die technischen Fortschritte verschlafen. Der neue Chevy Volt von GM illustriert das beispielhaft. Das Elektroauto soll 2010 auf den Markt kommen und ist zum Hoffnungsträger des maroden Konzerns geworden. Dabei wird dieses Auto nach Angaben von GM keinen Profit abliefern, obwohl es bereits jetzt massive Subventionen erhält und dereinst 40'000 Dollar kosten wird. Deutlich mehr als der Toyota Prius, der bereits zehn Jahre lang problemlos auf allen Strassen der Welt rollt und bald auch als so genannter Plug-In, als mit einem zweiten Elektromotor erhältlich sein wird. Welcher vernünftige Mensch wird da einen Volt kaufen wollen?(IWF) und der Weltbank geführt. Bei aller berechtigter Kritik an diesen Institutionen: Ohne sie wäre der Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg nicht so reibungslos verlaufen. Was aber kann man von Bretton Woods II erwarten? Eine An­passung der Strukturen an die Realitäten des 21. Jahr­hunderts. IWF und Weltbank werden heute weitgehend von den USA und Europa dominiert, eine nicht mehr zu rechtfertigende Arroganz des Westens: Die Weltwirtschaft wird heute immer stärker von aufstrebenden Entwicklungs­ländern wie China, Indien oder Brasilien in Schwung gehalten. Am Anfang einer neuen Finanzstruktur muss deshalb die Einsicht in die neuen geopolitischen Macht­verhältnisse stehen.

Chrysler ist in den 80iger Jahren schon einmal vom Staat gerettet worden. Auch GM und Ford sind seit Jahrzehnten mehrheitlich durch Arroganz und Inkompetenz aufgefallen. Warum also lässt man die Drei nicht einfach bankrott gehen? Weil es sehr teuer ist. Der Kollaps eines einzigen Herstellers würde rund 175 Milliarden Dollar im ersten Jahr kosten, schreibt die «New York Times». Nicht nur die Banken sind «zu gross geworden, um zu versagen» geworden.