Sonntagszeitung, 17. August 2008
Sparen, bis es quietscht
Publizist Philipp Löpfe über das Comeback des Dollars
Aus dem Euroraum werden negative Wachstumszahlen für das zweite Quartal gemeldet, die japanische Wirtschaft ist eingebrochen, in der Schweiz hat sich die Konsumentenstimmung massiv verschlechtert. So viel zur These, die US-Immobilienkrise bleibe ohne Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, der Rest der Welt habe sich von den USA abgekoppelt. In der Realität trüben sich die Zukunftsperspektiven für die Weltwirtschaft ein. Pessimisten rechnen bereits mit dem Schlimmsten, mit einer Krise in China, mit einem neuen Inflationsschub und mit politischen Verwerfungen. Dem Dollar scheint die miese Stimmung bestens zu bekommen. Die US-Währung stellt das Gesetz der Schwerkraft auf den Kopf und hat in den letzten Tagen zu einem Höhenflug angesetzt. Wie lässt sich dieses Paradox erklären?
Die Amerikaner gehören zwar zu den gläubigsten Marktfundamentalisten auf diesem Planeten. Sie haben jedoch keinerlei Skrupel, dem freien Markt mit staatlicher Hilfe kräftig unter die Arme zu greifen, wenn die Dinge aus dem Ruder zu laufen drohen. Als klar wurde, dass die Immobilienkrise weit mehr war als ein lokales Problem, schritten Notenbank und Politik sofort zur Tat. Das USFed senkte die Zinsen, rettete die Investmentbank Bear Stearns vor dem Kollaps und bürgte für die Hypothekarinstitute Fannie Mae und Freddie Mac. Die konservative Regierung Bush ihrerseits lanciert ein Ankurbelungsprogramm in der Höhe von 150 Milliarden Dollar, hauptsächlich Steuerrabatte, die bereits ausbezahlt worden sind.
Ganz anders Europa. Man schimpft zwar gerne über den angelsächsischen Kapitalismus, aber im Krisenfall hält sich der Staat nobel zurück. Die Europäische Zentralbank bekämpft mit hohen Zinsen die Inflation, die Politiker, vor allem die deutschen, haben grösste Hemmungen, das Wort «Konjunkturpaket» auch nur in den Mund zu nehmen. Lieber spart man, bis es quietscht, auch wenn es nichts nützt, wie die Erfahrungen zwischen 2001 und 2004 gezeigt haben. Der aktuelle Zustand der Weltwirtschaft gibt tatsächlich Anlass zu Besorgnis. Die Doha-Runde ist gescheitert, der freie Handel wird immer unpopulärer, und das Vorgehen Russlands in Georgien trägt nicht zur Beruhigung bei. So gesehen ist das Comeback des Dollars ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass die Märkte mehr Vertrauen in pragmatisches Vorgehen der USA haben als in das ängstliche Zögern der Europäer.
