Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 28. Dezember 2008

Untaugliche Propheten

Vor Jahresfrist schien es noch, als könnten Oligarchen und Ölscheichs bald die Welt aufkaufen

Im Sport gibt es unter den Trainern gelegentlich auch Philosophen. Einer davon war Yogi Berra,
 legendärer Baseballtrainer der New York Yankees in den Sechzigerjahren. Ihm verdanken wir nicht nur die Comic-Figur Yogi-Bär, sondern auch tiefschürfende Einsichten wie: «Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie einmal war.» 2008 war ein Jahr ganz nach dem Geschmack von Yogi Berra. Wer sich vor Jahres­frist als Prophet betätigt hat, der hat sich wahrschein­lich gewaltig blamiert.

Wer hätte gedacht, dass Marcel Ospel als UBS-Chef abtreten muss, die grösste Schweizer Bank zum Notfall wird und an Bundeskrücken geht? Wer hätte sich vorstellen können, dass die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrundes gerät, weil in den USA Hypothekarkredite an Menschen verliehen wurden, die weder Einkommen noch Vermögen besitzen? Wer hätte sich ausgemalt, dass Finanzprodukte so kom­plex werden, dass sie auch von den Experten nicht mehr verstanden werden? Und wer hätte damit ge­rechnet, dass die Finanz­industrie inzwischen so korrupt ist, dass selbst ein 50-Milliarden-Dollar-Betrug jahrelang nicht entdeckt wird?

Über den Ölpreis wurde vor Jahresfrist fast alles ge­schrieben, ausser, dass ein Fass Erdöl zuerst auf 150 Dollar schnellen würde, um dann wieder auf gegen 40 Dollar abzustürzen. Dieser wilde Ritt auf der Achterbahn der Rohstoffmärkte hat die Weltwirtschaft und die Politik aus dem Tritt gebracht. Russland muss seine neuen Gross­machtsträume wieder auf Eis legen, Venezuela die Revolution verschieben. Bei einem Ölpreis von unter 50 Dollar werden Putin und Chávez wieder kleinlaut. Still geworden ist es auch um die Staats­fonds. Dabei schien es vor Jahresfrist, als ob Ölscheichs und Oligarchen bald die Welt aufkaufen könnten.

Nicht einmal die Wahlen haben sich an Prognosen gehalten. Oder wie war das mit: Ein Schwarzer wird nie Präsident der USA? Oder ein SVP-Hardliner kommt nie mehr in den Bundesrat? Die grösste Überraschung aber bleibt, auch wenn ein Quäntchen Eigeninteresse mit dabei ist, ein Imagewechsel: Hätten Sie je gedacht, dass Schweizer Banker einen schlechteren Ruf haben werden als Journalisten?