Sonntagszeitung, 28. September 2008
Vieles bleibt absurd
Publizist Philipp Löpfe über Kulturkrieg in der Politik
Einen anständigen und sachlichen Wahlkampf erhoffte man sich vom Duell zwischen Barack Obama und John McCain. Keine Schlammschlacht mehr über Homo-Ehen, Abtreibung und Familienwerte. Der unsägliche Kulturkrieg sollte endlich ein Ende haben. Diesen Kulturkrieg hat Richard Nixon in die moderne US-Politik eingeführt. «Tricky Dick» hatte schon in den späten Sechzigerjahren die «schweigende Mehrheit» entdeckt und ihre Vorurteile gegen sexuelle Minderheiten und angebliche linke und arrogante Medien und Lehrer ausgenutzt. Das Verspotten der linken Medien und sexueller Minderheiten gehört seither zum festen Bestandteil rechtspopulistischer Politik, genauso wie die Forderung nach weniger Steuern und Attacken auf den angeblich aufgeblähten Staat.
Dieser Kulturkrieg tobt längst auch bei uns. Der Aufstieg der SVP in der Schweiz begann zwar mit einem Sachthema, dem erfolgreichen Kampf gegen den EWR-Beitritt. Das Feindbild EU allein ist jedoch noch kein vollständiges Parteiprogramm. Die SVP begann immer stärker, auf die Karte Kulturkrieg zu setzen. Weil christliche Fundamentalisten bei uns keine Rolle spielen, sind Abtreibung und Schwulenehen unbedeutend. Dafür haben Blocher, Mörgeli und Co. jetzt die Bildungspolitik entdeckt. Das biedere Programm zur Harmonisierung der Schulen wird zum Frontalangriff auf unsere Freiheit emporgestemmt. Selbst vor grotesken Vergleichen mit der DDR und chinesischen Staatskindern wird nicht zurückgeschreckt. Auch das Verunglimpfen angeblicher linker Journalisten nimmt zu. Beinahe täglich werden neue Gipfel der Absurdität erklommen. Selbst Peter Rothenbühler gilt bei Mörgeli inzwischen als gefährlicher Linksabweichler.
Mit der Ernennung von Sarah Palin hat McCain die Hoffnungen auf ein Ende der Kulturkriege jäh beendet. Palins Qualitäten als gute Eishockey-Mutter und Elchjägerin in Ehren, doch es warten happige Brocken auf die neue US-Regierung: Eine immer bedrohlichere Finanzkrise, die aufstrebenden Schwellenländer und eine mögliche Atommacht Iran. Mit der Ernennung Palins hat McCain seinen politischen Bankrott erklärt. Es ist eine offensichtliche und unverantwortliche Ablenkung von viel dringenderen Problemen. Das gilt auch für die SVP und die Schweiz. Harmos und linke Journalisten sind derzeit nicht wirklich gefährlich, die Finanzkrise schon. Werte und Kulturkriege werden uns nicht weiterhelfen.
