Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 07. Dezember 2008

Weg mit dem Ungleichgewicht

Die Wirtschaft ist total aus dem Gleichgewicht geraten

Die Situation an den Finanzmärkten sei so schlecht, dass Frauen nun aus Liebe heiraten, lautet ein derzeit gängiger Spruch an der Börse. Das ist zwar typisch für die zynische Machokultur der Händler, aber, was den wirtschaftlichen Teil betrifft, leider auch wahr: Das sogenannte Deleveraging, der Ent­schuldungsprozess der Finanzindustrie, wird immer kostspieliger. Die jüngsten Verlustschätzungen liegen bei unglaublichen 2000 Milliarden Dollar, eine Sum­me die das Vorstellungsvermögen des Normalbürgers weit übersteigt.

Die Dramatik der Situation illustriert auch eine Anekdote aus der Biografie des ehemaligen US­Finanzministers Robert Rubin. Als er 1995 Präsident Clinton bat, für Mexiko eine Bürgschaft von 25 Milli­arden Dollar zu leisten, wurde er ungläubig gefragt: 25 Milliarden, du meinst wohl Millionen? Heute kann man selbst mit 25 Milliarden nicht einmal mehr eine in Not geratene Schweizer Bank retten.

Notenbanken senken Leitzinse, und Regierungen leisten Bürgschaften, um den Kollaps des Finanz­systems zu verhindern. Diese massiven Staats­eingriffe werden selbst von neoliberalen Hardlinern nicht mehr infrage gestellt. Diese Nothilfe kann jedoch nicht das grundsätzliche Problem der Weltwirtschaft lösen: Sie ist total aus dem Gleich­gewicht geraten.

Es gibt auf der einen Seite die Exportweltmeister, China, Deutschland, Japan und auch die Schweiz.
 Und es gibt die Importeure, die USA, Grossbritan­nien, Spanien, Frankreich und Italien. Auch ohne grosse ökonomische Klimmzüge zu machen, leuchtet es ein: Dieses Ungleichgewicht muss behoben werden, sonst gerät die Weltwirtschaft endgültig aus den Fugen.

Das Ungleichgewicht beheben heisst konkret: Die Länder mit Exportüberschüssen müssen ihre Binnenwirtschaft ankurbeln. Sie können sich dabei Verschulden, denn sie sind kreditwürdig. Mit der Stärkung der einheimischen Nachfrage nehmen die Exportweltmeister den Druck von den Import­ländern. Sie können ihre Defizite abbauen. China hat dies begriffen und will rund 600 Milliarden Dollar in die Infrastruktur investieren. In Deutschland und der Schweiz denkt man noch darüber nach.