Sonntagszeitung, 22. Juni 2008
Wenn es wehtut
Publizist Philipp Löpfe über schmerzende ökologische Wahrheiten
In den USA hat Präsident George W. Bush all jene verblüfft, die gar nicht mehr wussten, dass er überhaupt noch im Amt ist. Er ist aus der politischen Versenkung aufgetaucht und will jetzt handeln respektive bohren: Ein Gesetz, das ökologisch sensible Gebiete vor Ölbohrungen schützt, will Bush aufheben, und zwar subito.
Energieexperten schütteln den Kopf: Selbst wenn die Bohrmaschinen schon morgen auffahren, ist frühestens 2020 frisches Öl aus Alaska zu erwarten. Und die geförderten Mengen werden unbedeutend sein. Deshalb hat Bushs Vater dieses Gesetz 1990 nach den schweren Umweltschäden, die der lecke Öltanker Exxon Valdez verursacht hatte, bekräftigt. Doch Bush Jr. setzt darauf, dass die Stimmbürger an die Mär glauben, Umweltschützer seien schuld am teureren Treibstoff. Er sucht deshalb den Showdown und hat den Kongress ultimativ aufgefordert, noch vor den Sommerferien seinen Plänen zuzustimmen.
In Westeuropa entlädt sich derweil der Volkszorn auf der Strasse. Von Spanien bis ins Vereinigte Königreich haben Lastwagenfahrer, Fischer und Bauern protestiert und tiefere Treibstoffsteuern verlangt. Auch bei den Schweizer Transportunternehmen nimmt die Streiklust zu, auch sie leiden unter den hohen Dieselpreisen, und was Bahnarbeitern und Bauern recht war, soll ihnen billig sein. Diese Gelegenheit will sich Ulrich Giezendanner nicht entgehen lassen. Der ehemalige Vertreter der Auto-Partei und heutige SVP-Nationalrat will per Notrecht dafür sorgen, dass der Klimarappen gestrichen und die Mehrwertsteuer auf dem Treibstoff gesenkt wird. Auch Giezendanner setzt darauf, dass den Schweizern die Lust auf Umweltromantik vergangen ist.
So lange ist es noch nicht her, da waren wir alle irgendwie grün. Wirtschaftsführer und bürgerliche Politiker zeigten sich von Al Gores Film «An Inconvenient Truth» beeindruckt. Doch bei einem Benzinpreis von zwei Franken pro Liter und einer Heizölkostenabrechnung, die unsere Ferienpläne über den Haufen zu werfen droht, werden ökologische Wahrheiten mehr als nur unbequem. Sie beginnen jetzt, wirklich wehzutun.
SündenboÅNcke müssen her, und weil es mit den Ausländern derzeit nicht so gut klappt, müssen wieder die naiven Umweltschützer herhalten. In der Energiepolitik schlägt die Stunde der Populisten. Wer dies ignoriert, tut es auf eigene Gefahr.
