Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 9. März 2008

Wer wird Millionär?

Publizist Philipp Löpfe über den Herdentrieb

Seit Monaten kennt der Kurs der UBS-Aktien nur noch eine Richtung: nach unten. Inzwischen sind Dutzende von Milliarden Franken Buchwert vernichtet worden, und es werden täglich mehr. Selbstverständlich gibt es rationale Gründe für diesen gigantischen Wertzerfall. Marcel Ospel & Co. haben sich im US-Immobilienmarkt fürchterlich verzockt, und jetzt müssen die Aktionäre dafür büssen. Aber trotzdem: Ist es wirklich nur die reine wirtschaftliche Vernunft, die dazu führt, dass eine traditionelle Grossbank wie die UBS fast über Nacht mehr als die Hälfte ihres Börsenwerts verliert? Ist es nicht. Auch an den Börsen wird irrational gehandelt, nicht nur von ahnungslosen Kleinaktionären, sondern auch von ausgebufften Profis. Schuld daran sind so genannte Informations-Kaskaden.

Kein Mensch verfügt in einer bestimmten Situation über alle notwendigen Informationen. Das gilt auch an der Börse. Um dieses Defizit auszugleichen, müsste man in einer idealen Investoren-Welt vor wichtigen Entscheidungen eine Art Landsgemeinde durchführen, wo alle Argumente gegeneinander ausgewogen und so die Informationsdefizite der einzelnen Teilnehmer ausgeglichen werden könnten. Dann würde das Phänomen auftreten, das wir von Günther Jauchs Quiz-Show «Wer wird Millionär?» kennen: Im Zweifelsfall hat die Mehrheit, das Saalpublikum, Recht. In der realen Investoren-Welt ist ein solches Vorgehen nicht realistisch, es spielt sich ein anderer Prozess ab: Wer zuerst handelt, löst eine Informations- Kaskade aus. Wenn also A die UBS-Aktie verkauft, dann beeinflusst er damit B und dieser wiederum C. Dabei ist es nicht immer entscheidend, dass A Recht gehabt hat, den Wert der UBSAktie korrekt einschätzt. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass rund ein Drittel der Informations- Kaskaden auf Grund falscher Annahmen ausgelöst werden.

In der Theorie sind Aktienmärkte effizient, das bedeutet, dass alle Informationen in den Kursen enthalten sind und jede neue Information eine zufällige, nicht voraussagbare Kursentwicklung zur Folge hat. In der Praxis erzeugen Informations-Kaskaden immer wieder künstliche Blasen und übertriebene Baissen. In der Praxis sind die Märkte nicht effizient, und wer diese Ineffizienz erkennen und den Herdentrieb überlisten kann, der verdient sehr viel Geld. Auch das ist ein Grund, weshalb es im Bankenviertel so viele Porsche- und Ferrari-Fahrer gibt.