Sonntagszeitung, 03. Mai 2009
«Hat mit der Wahl von Barack Obama ein neuer Kondratjew-Zyklus begonnen?»
Heute vor genau 30 Jahren hat Margaret Thatcher die britischen Wahlen gewonnen. Es war kein gewöhnlicher Wahlsieg. Der Einzug der Eisernen Lady in das Haus mit der Nummer 10 an der Downing Street war der Beginn einer neuen Ära. Die konservative Premierministerin war mit dem erklärten Ziel angetreten, 30 Jahren Sozialismus den Garaus zu bereiten. Das sollte sich nicht als eine leere Drohung erweisen: Auf der britischen Insel wurden Steuern gesenkt, Staatsbetriebe privatisiert oder stillgelegt, die Macht der Gewerkschaften gebrochen und der Dschungel von Gesetzen und Vorschriften dereguliert. 18 Monate später zog Ronald Reagan ins Weisse Haus in Washington ein. Die neoliberale Revolution hatte begonnen.
In der Ökonomie kennt man die Kondratjew-Zyklen, benannt nach dem russischen Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratjew. Er hat die wirtschaftliche Entwicklung nicht als zufällige Häufung von Ereignissen betrachtet, sondern wollte darin Gesetzmässigkeiten erkannt haben. Diese wiederholen sich in einem Zeitraum von 40 bis 60 Jahren. Gibt es auch in der Politik solch lange Wellen? Wenn ja, dann sind sie kürzer, nämlich rund 30 Jahre. Etwa so lang haben die «goldenen Jahre» der sozialen Marktwirtschaft gedauert. Dieses Modell setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit leichten Variationen in allen Industrie ländern durch. Geistiger Vater dieses Modells war John Maynard Keynes, der dafür plädierte, dass die Wirtschaft vom Staat mitgelenkt werden muss, um gefährliche Marktversagen zu verhindern.
In den Siebzigerjahren geriet die soziale Marktwirtschaft in eine Dauerkrise. Die Rezepte von Keynes wirkten nicht mehr, Arbeitslosigkeit und Inflation nahmen rasant zu. Heute erleben wir nach 30 Jahren Neoliberalismus das Gegenteil. Banken werden de facto verstaatlicht, die Autoindustrie massiv subventioniert und die Finanzmärkte mit Milliarden geflutet. Der Staat hat wieder hinter dem Lenkrad der Wirtschaft Platz genommen. Die Vorstellung, dass freier Markt, individuelle Leistung und Verantwortung es richten können, ist wegen Boni und Inkompetenz zu einer Farce geworden. Hat mit der Wahl von Barack Obama wieder ein neuer, politischer Kondratjew Zyklus begonnen? In 30 Jahren werden wir es wissen.
