Sonntagszeitung, 26. Juli 2009
«Das war die Fehleinschätzung des Jahrhunderts»
BYD. So heisst ein chinesischer Autohersteller mit grossen Ambitionen. Das Unternehmen wurde 1995 in Guangdong gegründet, nicht als Auto-, sondern als Batteriehersteller. Inzwischen wird ein Drittel aller weltweit verkauften Lithium-Batterien von BYD produziert. Von Lithium-Batterien erhofft man sich auch den Durchbruch bei den Elektro-Autos. Deshalb tat BYD das Naheliegende: Es kaufte 2003 eine Autofabrik. Die Ziele der Firmengründer sind ehrgeizig: 2015 will man als Autobauer die Nummer eins sein in China, 2025 auf der ganzen Welt.
Sie haben wahrscheinlich noch nie etwas von BYD gehört. In der Schweiz sind chinesische Autos kein Thema, allenfalls ein schlechter Witz. Das Ganze erinnert ein bisschen an die Siebzigerjahre, als die japanischen Autos noch abschätzig als «Reisschüsseln» bezeichnet wurden. Das war die Fehleinschätzung des Jahrhunderts: Inzwischen werden nirgends auf der Welt mehr Autos gebaut als in Japan. Und Toyota ist der Inbegriff von Qualität geworden.
Wiederholt sich die Geschichte? PricewaterhouseCoopers, eine renommierte Treuhand- und Beratungsfirma, hat diese Woche eine Studie veröffentlicht. Sie sagt voraus, dass China bald Japan als grössten Autobauer ablösen wird, möglicherweise schon dieses Jahr. Ebenfalls stark im Aufwind befinden sich Autohersteller in Indien. Das 2500-Dollar-Auto Tata ist ein Renner und wird eine Art VWKäfer des 21. Jahrhunderts. Wir Europäer dagegen werden depressiv, wenn es um das Thema Auto geht. Gleichzeitig fasziniert und angewidert verfolgen wir die Familienfehde um VW/Porsche, den Niedergang von Opel und die Verkaufsrückgänge bei Mercedes und BMW. Analysen, die von gewaltigen Überkapazitäten in der Autoindustrie sprechen, lesen wir mit einem wohligen Schaudern. Hilflos und verärgert sehen wir zu, wie dem Monster Autoindustrie immer neue Steuermilliarden in den Rachen geschaufelt werden. Detroit und die amerikanischen Autos haben wir ohnehin längst abgeschrieben.
Ganz anders ist derzeit die Stimmung in Asien. Der Optimismus ist ungebrochen, gerade was die Zukunft des Autos betrifft. In Europa und Amerika wird die Autoindustrie zunehmend als eine «Sunset»-Industrie betrachtet, als eine Branche, deren unaufhaltsamer Abstieg bereits begonnen hat. In Asien hingegen hat die Autoindustrie ihre besten Jahre noch vor sich. Das ist mehr als naives Wunschdenken.
Die Beraterfirma Booz & Company kommt in einer umfangreichen Studie über den Automarkt der Zukunft zu folgenden Schlüssen: Die Zahl der sich weltweit im Verkehr befindlichen Autos wird von 672 Millionen (2008) auf 1,5 Milliarden (2018) ansteigen. In den nächsten zehn Jahren werden gemäss dieser Prognose über 700 Millionen Neuwagen zusätzlich verkauft werden, die meisten davon in Asien. Warum also sollte das mit einer Lithium-Batterie ausgerüstete Auto der Zukunft nicht aus China kommen?
Ach ja: BYD steht übrigens für Build Your Dream: Bau dir deinen Traum.
