Sonntagszeitung, 26. April 2009
Das Leben wird langsamer
«Mit Erfolg: Selbst mitten in der Stadt Havanna wird heute Biogemüse angepflanzt»
US-Präsident Barack Obama lockert das Embargo gegen Kuba. In den Schweizer Kinos ist soeben der zweite Teil von Steven Soderberghs «Che»-Biografie angelaufen. Sogar das Supermodel Gisele Bündchen tänzelt mit einem Bikini über den Catwalk, der mit dem Bild des legendären Revolutionärs Guevara bedruckt ist: Kein Zweifel, Kuba und seine greisen Revolutionäre erleben einen zweiten Frühling. Das wärmt nicht nur die Herzen nostalgischer Alt-68er. Selbst die grosse alte Dame der US-Konservativen, Peggy Noonan, sieht darin den Trend für die Zukunft. Im «Wall Street Journal» schrieb sie kürzlich: «Amerika wird bald aussehen wie Havanna – alte Autos und verblassende Grösse.»
Der Kuba-Boom lässt sich einerseits kommerziell erklären. Die Insel ist nicht nur für Zigarren, Rum und Zucker berühmt. Es bietet auch viel Ferien für wenig Geld, etwas, das auch von der Wirtschaftskrise gebeutelte Kapitalisten durchaus wieder zu schätzen wissen. Che wiederum ist längst mehr geworden als das Symbol gegen eben diesen Kapitalismus. Er ist ein Markenzeichen, so bekannt wie der Swoosh von Nike oder das goldene M von McDonald’s. Der Journalist Michael Casey hat soeben ein Buch über das Phänomen Che veröffentlicht und kommt zum Schluss, dass er die «perfekte Ikone der Postmoderne» darstelle, der «irgendetwas für irgendjemanden oder alles für alle» bedeuten könne.
Wer den Kuba-Hype auf Kommerz und Marketing reduziert, greift allerdings zu kurz. So ist die Karibikinsel mittlerweile zum Vorbild für eine Landwirtschaft der Zukunft geworden. Unfreiwillig zwar, denn nach dem Kollaps der Sowjetunion erhielten die kubanischen Bauern keinen Kunstdünger mehr und mussten radikal auf biologischen Anbau umstellen. Aber durchaus mit Erfolg: Selbst mitten in der Stadt Havanna wird heute Biogemüse angepflanzt. Es breitet sich ein Lebensgefühl aus, das auch die Menschen in den modernen Gesellschaften zu faszinieren beginnt. Peggy Noonan beschreibt es wie folgt: «Mehr Familien werden wieder zusammenleben müssen. Mehr Leute werden mehr trinken. Heimliches Rauchen wird ein Comeback feiern. Das Leben wird langsamer werden. Demonstrativer Überfluss ist passé.»
