Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 22. März 2009

Der Mob will Blut sehen

«Immerhin hat die gesamte Rettung des AIG-Konzerns bisher rund 170 Milliarden verschlungen»

Stellen Sie sich vor: Sie sind ein Hauseigentümer, der eine neue Heizung bestellt hat, weil sie gleichzeitig eine massive Senkung der Heizkosten und eine Reduktion der Umweltverschmutzung verspricht. Dafür sind Sie bereit, eine fette Prämie zu bezahlen. Die Heizung wird montiert, doch das Resultat ist verheerend: Sie verbraucht mehr Energie und verpestet die Umwelt. Schlimmer noch, die Heizung lässt sich nicht mehr abstellen. Sie pro­ testieren beim Hersteller und wollen Ihr Geld zurück. Stattdessen müssen Sie erfahren, dass die Monteure, die den Schaden verursacht haben, nun grosszügige Boni erhalten, um ihn wieder zu beheben.

In der Heizungsbranche ist ein solches Szenario natürlich undenkbar. Im Fall des amerikanischen Versicherungsriesen AIG ist es jedoch groteske Realität geworden. Ausgerechnet diejenigen Derivat­ Spezialisten, die das Unter­ nehmen mit Hochrisiko­ Spekulationen zuerst ruiniert haben, kassieren jetzt Bonus­ zahlungen in der Höhe von rund 220 Millionen Dollar, um es wieder flottzukriegen. Begründung: Wenn AIG diese Spezialisten verliert, dann kann der Wirrwarr der hochkomplexen Deals über­ haupt nicht mehr entflechtet werden. Wen wundert es, dass die Volksseele bei solchen Geschäften kocht? Immerhin hat die gesamte Rettung des AIG­Konzerns bisher rund 170 Milliarden Dollar an amerikanischen Steuer­ geldern verschlungen.

Die Regierung von Präsident Obama steht vor einer gewaltigen Herausforderung: Sie muss gleichzeitig das Bankensystem stabilisieren, die Autoindustrie über Wasser halten, die Infrastruktur erneuern und die Arbeitslosenzahlen im Griff behalten, von den geopolitischen Problemen und dem Klimawandel gar nicht zu sprechen. Es existiert ein vernünftiger Plan, wie die Finanzkrise kurzfristig bewältigt und die Wirtschaft langfristig ökologisch erneuert werden können, ohne dass die Staatsschulden aus dem Ruder laufen. Dieser Plan ist gefährdet, der Fall AIG droht, ihn über den Haufen zu werfen. Derzeit regiert blinde Wut. Ein republikanischer Senator hat die Manager öffentlich zum Selbstmord aufgefordert, die Häuser der AIG­Manager müssen rund um die Uhr bewacht werden. Der Mob will Blut sehen. Langsam wird es gruselig.