Sonntagszeitung, 19. April 2009
Dicker und kränker
«Slowfood, lokale Küche und das Einkaufen direkt beim Bauern werden zum Megatrend»
Was haben die bayerischen Christlichsozialen und die amerikanische Präsidentenfamilie gemeinsam? Beide machen sich Sorgen um unser Essen. In München haben deutsche Schweinezüchter unter dem Beifall der CSU dagegen protestiert, dass Gene von besonders rasch dick werdenden Säuen patentiert werden können. Tags zuvor hatte CSU-Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner den Anbau von Gen-Mais verboten. In Washington legt Michelle Obama vor laufenden Kameras Biogärten an. Ihr Mann will derweil die Behörde stärken, die über die Sicherheit der Lebensmittel wacht. Grund ist ein Skandal um verunreinigte Erdnussbutter, ein bei amerikanischen Kindern sehr beliebter Brotaufstrich.
Nicht nur Amerikaner und Deutsche, alle modernen Gesellschaften stehen vor einem Paradox: Wir ernähren uns immer gesünder und werden dabei immer kränker. Jedes Joghurt enthält mittlerweile Zusätze, die unserer Verdauung helfen sollen, jedes Müesli verspricht, unser Abwehrsystem zu stärken. Zucker ist weitgehend durch kalorienfreie Süssstoffe ersetzt worden. Wir essen fast nur noch Dinge, die mit «bio» oder «light» angeschrieben sind. Es scheint alles nichts zu nützen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellt fest, dass durch verunreinigte Nahrung verursachte Krankheiten auf dem Vormarsch sind, und zwar massiv. Sie schätzt, dass in einigen Industriestaaten inzwischen beinahe jeder Dritte einmal pro Jahr davon betroffen ist.
Die Nahrungsmittelskandale zeigen Wirkung, es zeichnet sich ein Umdenken ab. Gegen Fastfood und globale Ernährungsketten zu protestieren, ist nicht mehr das Privileg von linken Chaoten und grünen Fortschrittsverweigerern. Slowfood, lokale Küche und das Einkaufen auf dem Frischmarkt oder direkt beim Bauern werden zum Megatrend beim Mittelstand. Eines der zurzeit erfolgreichsten Sachbücher in den USA heisst «In Defense of Food» von Michael Pollan. Es ist eine radikale Absage an die moderne Ernährung, an Convenience Food und PseudoGesundheit. «Dreissig Jahre wissenschaftliche Ernährungsberatung haben uns dicker und kränker gemacht», stellt Pollan glasklar fest. «Wir müssen total neu über unser Essen nachdenken.»
