Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 4. Januar 2009

Die These vom Bankraub

Die National­bank hat mit ihrer harten Geld­politik viele Arbeitsplätze vernichtet

In seinem Buch «Bank, Banker, Bankrott» be­zeichnet René Zeyer die Finanzkrise rundweg als «grössten Bankraub» aller Zeiten. Er stellt fest: «Die Werkzeuge waren nicht Dietrich oder Schweiss­brenner, sondern ‹Finanzinstrumente›, ‹Derivate›, ‹Hedge-Funds›, ‹Financial Engineering›, CDO, RLN, Alt-A, ‹Private Banking›, ‹persönliche Ver­mögensberatung›, um nur einige Stichworte zu nennen.» Zeyer weiss auch, wer Schmiere gestanden ist: Alan Greenspan, Ex-Präsident der US-Noten­bank Fed. Er hat mit seinen tiefen Zinsen den Raub erst möglich gemacht.

Die Wut auf Banken hat inzwischen breite Teile des Mittelstandes erfasst. Zeyers Buch hat gute Chancen auf einen Spitzenplatz in den Bestsellerlisten. Seine Bankraub-These allerdings steht auf wackligen Füssen. Sind Derivate bloss clevere Täuschungsmittel, um ahnungslose Investoren hinters Licht zu führen?
Die Meinungen der Experten sind zumindest geteilt.
Robert Shiller, Finanzprofessor an der Yale University, kommt zum gegenteiligen Schluss. Nur dank neuen Finanzprodukten und leis­tungsfähiger IT werden wir künftig spekulative Blasen vermeiden können. Shiller ist nicht irgendwer. Er war zu­sammen mit Nouriel Roubini der prominenteste Warner vor der amerikanischen
Immobilienkrise.

Was die US-Notenbank betrifft: Aus heutiger Sicht ist Alan Greenspan sicher nicht mehr der geniale Maestro, als der er lange verehrt wurde. Doch er hatte gute Gründe für seine Tiefzinspolitik. Oder hätte er, wie die Schweizerische Nationalbank (SNB) in den Neunzigerjahren, ohne Inflationsgefahr die Zinsen hochhalten sollen? Die Nationalbank hat mit dieser harten Geldpolitik viele Arbeitsplätze ver­nichtet und damit viel unnötiges Leid verursacht.
Mit grosser Wahrscheinlichkeit hätte das Fed mit hohen Zinsen den Boom der Weltwirtschaft abge­würgt und damit auch eine segensreiche Wohlstands­vermehrung
verhindert.

Die Banken sind ausser Kontrolle geraten, die Boni-Exzesse einzelner Banker waren obszön. All dies müssen wir so rasch als möglich wieder in den Griff bekommen. Wir brauchen ein modernes, gut funktionierendes Bankensystem; mehr denn je sogar. Populistische Hatz wird uns jedoch nicht weiterhelfen.