Sonntagszeitung, 15. Februar 2009
Die Zukunft ist weiblich
«1991 waren 86 Prozent der Männer erwerbstätig, aber nur 40 Prozent der Frauen»
Unsere gutbürgerlichen Väter hätten sich noch geschämt, wenn ihre Ehefrauen erwerbstätig gewesen wären. Das schwache Geschlecht war bis weit in die Sechzigerjahre höchstens für ein paar Jahre in einem Beruf tätig, aber nicht um einen Beruf auszuüben, sondern um irgendwie die Zeit zwischen Schulabschluss und Ehe zu überbrücken. Die Berufung der bürgerlichen Frau lag darin, die Kinder grosszuziehen und den Haushalt in Schuss zu halten. Diese Lebensweise widerspiegelt sich in der Statistik: 1991 waren rund 86 Prozent der Männer erwerbstätig, aber bloss rund 40 Prozent der Frauen. Und unter diesen 40 Prozent waren dazu noch viele Ausländerinnen.
Heute zeigt die Statistik ein ganz anderes Bild. Im Jahr 2007, aus dem die letzten verfügbaren Zahlen kommen, ist der Anteil der erwerbstätigen Männer auf rund 76 Prozent gesunken, bei den Frauen hingegen ist dieser Anteil auf rund 60 Prozent angestiegen. Für diese Entwicklung gibt es verschiedene Gründe. Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft kommt den weiblichen Berufen entgegen. Zudem sind moderne Frauen viel besser ausgebildet. An den Universitäten gibt es mittlerweile mehr Studentinnen als Studenten, und kein Schweizer Vater würde heutzutage seiner Tochter eine vollwertige Ausbildung verweigern mit dem Hinweis, sie würde ja ohnehin bald heiraten und Kinder bekommen. Berufstätig zu sein, ist für Frauen kein Stigma mehr, sondern cool geworden, und die jungen Paare sind auf doppelte Einkommen angewiesen, auch wenn sie dem soliden Mittelstand angehören.
Trendforscher prophezeien schon seit längerer Zeit, dass die Arbeitswelt der Zukunft weiblich sein wird. Die aktuelle Wirtschaftskrise wird diese Entwicklung verstärken, denn sie trifft die traditionellen Männerberufe auf dem Bau oder in der Industrie härter als die weiblichen Domänen. Der goldene Käfig, in den bürgerliche Frauen eingesperrt waren, ist endgültig gesprengt worden. Was die Arbeit betrifft, kehrt die Menschheit zu ihren Ursprüngen zurück. Schliesslich haben in Stammesgesellschaften und am Hof des Adels die Frauen und Sklaven gearbeitet. Die Männer widmeten sich dem Krieg, der Jagd oder der Religion.
