Philipp Löpfe

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Tages Anzeiger, 10. September 2009

Die Schweiz profitiert von den Rettungsaktionen der andern

Aus den ersten grünen Sprösslingen der Weltwirtschaft sind Hoffnungsträger eines neuen Aufschwungs geworden – seither lautet die gängige These unter den eidgenössischen Konjunkturauguren wie folgt: Die Schweiz hat zum Glück nur wenig Geld verpulvert, um die Binnenkonjunktur anzukurbeln. Diese Zurückhaltung wird sich jetzt doppelt lohnen. Länder wie die USA, aber auch Grossbritannien, Deutschland und Frankreich haben sich bis über beide Ohren verschuldet. Deshalb werden sie bald die Steuern erhöhen müssen, oder die Inflation wird gefährlich ansteigen. Die Schweiz hingegen glänzt einmal mehr mit einer tiefen Fiskalquote und niedriger Staatsverschuldung. Mit anderen Worten: Der Wirtschaftsstandort ist so attraktiv wie noch nie.

Ein Lob zur rechten Zeit

Diese These hat nun den Segen des World Economic Forum (WEF) erhalten. Im «Global Competitiveness Report 2009–2010» ist die Schweiz zum konkurrenzfähigsten Land der Welt erkoren worden (TA vom Mittwoch). Die Auszeichnung kommt zur rechten Zeit, unser Selbstbewusstsein hat arg gelitten. Zuerst hat uns das Verhalten der UBS weltweit den Ruf eines Schurkenstaates eingebracht. Dann ist unser Bundespräsident von Moammar al-Qadhafi vorgeführt worden. Jetzt aber sind wir wieder wer.

Mit grösster Wahrscheinlichkeit hat die Weltwirtschaft die Talsohle tatsächlich durchschritten. Die Finanzmärkte sind wieder stabil, die reale Wirtschaft erholt sich. Für das dritte Quartal wird in den USA ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von vier Prozent erwartet, in Europa sind es immerhin noch beachtliche drei Prozent. Die jüngsten Prognosen für die Schweiz sind ebenfalls nach oben korrigiert worden. Im nächsten Jahr erwarten die 26 von der Konjunkturforschungsstelle der ETH regelmässig befragten Ökonomen ein BIP-Wachstum von 0,4 Prozent.

Die Schweizer Wirtschaft ist exportorientiert und deshalb auf Gedeih und
Verderb vom Zustand der Weltwirtschaft abhängig. Diese wiederum hat nicht automatisch wieder auf den Wachstumspfad zurückgefunden. Dazu waren Notfallmassnahmen der Wirtschaftsdoktoren nötig, wie sie die Welt in Friedenszeiten noch nie erlebt hat. Die Notenbanken haben die Finanzmärktemit Geld geflutet, und sie haben sichere Staatsanleihen gegen Ramschpapiere getauscht, um die angeschlagenen Banken über Wasser zu halten. Die Regierungen haben temporäre Steuersenkungen und Anreizprogramme wie die Abwrackprämie (zum Beispiel in Deutschland und in den USA) abgesegnet, um ein Absacken der realen Wirtschaft zu verhindern.

Diese bisher einmalige Rettungsaktionzeigt jetzt allmählich Wirkung – und die Schweiz profitiert davon, ohne dass sie viel dafür könnte. Eine relativ kleine und offene Volkswirtschaft kann nur beschränkt mit Stimulierungsprogrammen für Binnennachfrage sorgen. Wir haben zum Beispiel keine Autoindustrie, aber wir haben eine Autozuliefererindustrie, in der rund 30 000 Menschen beschäftigt sind. Sie profitieren indirekt ebenfalls von der Abwrackprämie, die der deutsche Steuerzahler irgendwann bezahlen muss. Das Dümmste, das die Schweiz jetzt tun könnte, wäre deshalb prahlen. Und sich berufen fühlen, anderen Ländern wirtschaftspolitische Ratschläge zu erteilen. Was die Schweiz betrifft, ist die Welt seit der Steueroasengeschichte ohnehin dünnhäutig geworden. Viel gescheiter ist es, sich an das Motto erfahrener Lebenskünstler zu halten: Der wahre Gentleman geniesst – und schweigt.