Philipp Löpfe

Im Tiergarten 17, 8055 Zürich
Telefon +41 44 248 45 43
mail@philipp-loepfe.ch

Tages-Anzeiger, 12. Oktober 2009

Der falsche Nobel

Der Nobelpreis existiert seit 1901 und wird jährlich verliehen. Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften hingegen wird erst zum 40. Mal vergeben. Der Grund liegt darin, dass der Wirtschafts-Nobelpreis eigentlich gar kein «richtiger» Nobelpreis ist, sondern eine nachträgliche Kreation der schwedischen Reichsbank.

Das kam so: 1968 wollte die Bank ihr 300-Jahre-Jubiläum würdig feiern. Die Reichsbanker kamen auf die Idee, neben den bereits existierenden fünf Nobelpreisen einen sechsten zu schaffen, eben den Wirtschaftspreis. Dieses Ansinnen wurde zuerst der Nobelpreis-Stiftung unterbreitet. Ihr Bescheid war positiv, nun musste noch die Familie ihr Okay geben.

Das war leichter gesagt als getan. Der Stiftungsgründer Alfred Nobel hatte mittlerweile mehr als 400 Nachkommen, die über den ganzen Globus verstreut lebten. Das damalige Oberhaupt der Familie, eine Nichte Alfred Nobels, gab schliesslich grünes Licht. Und bekam Ärger. Ein Teil der Familie Nobel akzeptiert den Wirtschaftspreis bis heute nicht und glaubt, er sei «gekauft». Ein Gerücht, das nie bewiesen wurde.

Der erste Träger des Wirtschafts-Nobelpreises war der Niederländer Jan Tinbergen. Er wurde 1969 als Wegbereiter der Ökonometrie ausgezeichnet. Tinbergens Schwerpunkt lag bei einem Thema, das auch heute noch brandaktuell ist: Managerlöhne. Tinbergen war, ungewöhnlich für einen Ökonomen, ein Idealist. Der grosse amerikanische Ökonom Paul Samuelson, später ebenfalls Preisträger, nannte ihn gar einen «humanistischen Heiligen». Selbst bei den Schweizer Jungsozialisten wäre Tinbergen heute ein Radikaler. Er forderte nämlich, dass die Spitzenlöhne der Manager nicht mehr als fünfmal so hoch sein dürfen wie das niedrigste Gehalt. Die Jusos lassen immerhin noch den Faktor zwölf zu.

Heute wird der Wirtschafts-Nobelpreis zum 40. Mal verliehen. Als Mitfavorit gilt Ernst Fehr, Professor an der Universität in Zürich. Fehr erforscht das Motivationsverhalten von Menschen. Sollte er den Preis tatsächlich erhalten, muss er sich über seinen Ruf keine Sorgen machen. Der Wirtschafts-Nobelpreis ist heute genauso anerkannt wie die fünf anderen. Und ausbezahlt wird er in echten Euros.