Sonntagszeitung, 10. Mai 2009
«Freuen Sie sich also, wenn Sie beim nächsten Tanken mehr bezahlen müssen»
Die Erdölpreis-Explosion wurde vor zwei Jahren mit düsteren Prophezeiungen über die Aussichten der Weltwirtschaft begleitet. Nach einem dramatischen Absturz zieht der Ölpreis jetzt wieder an und nähert sich der 60-Dollar-Grenze pro Fass. Diesmal erleben wir das Gegenteil: Die Experten atmen hörbar auf: Steigende Ölpreise seien ein untrügliches Anzeichen, dass die Weltwirtschaft wieder in die Gänge komme und deshalb Anlass zur Hoffnung gebe. Das zeigt einmal mehr, dass nicht nur der Beginn von Wirtschaftskrisen rational oft schwer zu erklären ist, sondern auch ihr Ende. Die letzte grosse Finanzkrise, die «asiatische Grippe», hat gegen 1998 irgendwann einmal einfach aufgehört, ohne dass es dafür einen bestimmten Grund gegeben hätte. Zwar wurde auch damals sehr viel über eine neue globale Finanzarchitektur geschwätzt. Doch von den zahlreichen Vorschlägen der Experten ist kaum einer je verwirklicht worden. Irgendwann war die Krise einfach nicht mehr da. Es schien, als ob die Menschen die Schnauze voll gehabt hätten, und dass dieses Gefühl die Krise auch tatsächlich zum Verschwinden brachte.
Dieses Gefühl liegt auch heute wieder in der Luft. Nach bald zwei Jahren Krise mit Immobilienblasen, Banker-Boni, AutoindustrieDebakel und Konjunkturankurbelungs-Programmen lässt sich eine kollektive Ermattung feststellen. Die Leute zappen weg, wenn einmal mehr Vergleiche mit der Grossen Depression der Dreissigerjahre angestellt werden oder darüber spekuliert wird, wie viele Milliarden das notleidende Bankensystem zusätzlich brauchen wird. Sie hören nicht mehr hin, wenn die neuesten Zahlen von der Wachstums- oder der Arbeitsmarkt-Front eintrudeln und die Folgen in düsteren Farben gemalt werden.
Die Krise lässt sich zwar nicht kollektiv wegwünschen. Aber schaden kann Optimismus nicht, und eine Art Waffenstillstand ist mehr als verdient. Es gibt zudem tatsächlich gute Gründe für Hoffnung: Der Stresstest der US-Banken ist beruhigend ausgefallen. Die Börsen haben erneut eine gute Woche hinter sich. Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen gesenkt, und die chinesische Wirtschaft scheint sich zu erholen. Freuen Sie sich also, wenn Sie beim nächsten Tanken wieder mehr bezahlen müssen.
