Sonntagszeitung, 08. März 2009
Normal war gestern
«Die Kurse fallen ins Bodenlose, während die Zahl der Arbeitslosen explodiert»
Jetzt, da wir uns hochoffiziell in einer Rezession befinden, stellt sich die bange Frage: Folgt als nächstes die Depression? Zur Klärung: Von einer Depression spricht man, wenn das Bruttoinlandprodukt (BIP) um 10 Prozent und mehr schrumpft.
Bis vor kurzem haben Depressionsängste bei Ökonomen allenfalls ein mildes Lächeln ausgelöst. Wir haben die Lehren aus den Dreissigerjahren gezogen, versicherten sie uns väterlich. Tatsächlich haben die Nationalbanken entschlossen gehandelt und die Märkte mit kurzfristiger Liquidität überschwemmt und die Zinsen gegen null gesenkt. Die Politik hat nach anfänglichem Zögern ebenfalls reagiert: Banken werden gerettet, Autofirmen erhalten Notkredite, und rund um den Globus wird ein Konjunkturprogramm nach dem anderen aufgelegt. Trotzdem fallen die Börsenkurse weiterhin ins Bodenlose, während umgekehrt die Zahl der Arbeitslosen explodiert.
Was nun?
Professor Robert Barro von der Harvard University hat sich in die Makrostatistiken vertieft und Szenarien gerechnet.
Das Resultat hat er im «Wall Street Journal» veröffentlicht: «Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die aktuelle Rezession in eine Depression ausweitet, steht eins zu fünf», lautet sein Befund. Als grösste Gefahr bezeichnet er den Einbruch an den Aktienmärkten in den vergangenen 18 Monaten. Nicht nur an den Börsen sind grosse Vermögenswerte vernichtet worden. Amerikanische Haushalte sind durchschnittlich 25 Prozent ärmer geworden, seit die Immobilienblase geplatzt ist. Im gleichen Stil haben die Unternehmen gelitten. Sie müssen massive Wertberichtigungen in ihren Büchern vornehmen.
Deshalb ist die aktuelle Rezession tatsächlich gefährlich. Angesichts der gigantischen und plötzlichen Wertvernichtung ist es unmöglich, dass Konsumenten und Unternehmen in den nächsten Jahren wieder zu ihrem normalen Verhalten zurückfinden. Der Staat wird demnach noch längere Zeit gezwungen sein, die private Nachfragelücke zu schliessen und sich weiter zu verschulden. Bisher wird dies von Bürgerinnen und Steuerzahlern murrend toleriert. Bricht der politische Rückhalt für diese Politik ab, dann steigen die Chance für eine Depression rapide an.
