Sonntagszeitung, 11. Oktober 2009
«Sind wir eigentlich völlig wahnsinnig?»
Eigentlich hätte die Schweiz allen Grund, gelassen, ja sogar ein bisschen stolz zu sein: Die UBS wankte, aber sie fiel nicht – der Bund konnte seine Beteiligung gar mit Gewinn verkaufen. Der Präsident der Credit Suisse schildert die Zukunft des Finanzplatzes Schweiz in den rosigsten Farben. Auch die reale Wirtschaft schlägt sich wacker. Trotz Wirtschaftskrise ist die Arbeitslosigkeit hierzulande im internationalen Vergleich sehr tief. Selbst die Staatsfinanzen sind nach wie vor kerngesund. Die Auszeichnung als wettbewerbfähigstes Land der Welt durch das World Economic Forum (WEF) ist daher kein Zufall.
Doch die Schweiz ist alles andere als stolz und schon gar nicht gelassen. Seit Anfang Jahr herrscht eine Art politischer Ausnahmezu stand. Ein Pseudoskandal jagt den nächsten – und die Reaktionen darauf werden immer schriller. Im Streit um das Bankgeheimnis sahen wir uns von amerikanischen Richtern und deutschen Finanzministern eingekesselt. In der Affäre Qadhafi lassen wir uns von einem absurden Diktator vorführen. Die Affäre Polanski kann man, wenn überhaupt, nur noch mithilfe eines Psychiaters verstehen. Und jetzt noch der groteske Streit um die Anti-Minarett Plakate. Sind wir eigentlich völlig wahnsinnig?
Nüchtern betrachtet, steht die Schweiz vor grossen politischen Herausforderungen. Die Immigration in die Schweiz ist klammheimlich explodiert. Allein letztes Jahr hat sich die ausländische Bevölkerung um mehr als 100 000 Menschen erhöht. Die Rezession hat diesen Zufluss dieses Jahr nur leicht gebremst. Die massive Zuwanderung erinnert an die Boomzeit in den 60erJahren. Damals hat die Angst vor Jobverlust zur heiss umstrittenen und knapp verworfenen Schwarzenbach Initiative geführt. Die aktuelle Zuwanderung birgt ebenfalls politischen Zündstoff, zumal die ökonomischen Aussichten alles andere als rosig sind. Die Weltwirtschaft hat einen schweren Herzinfarkt erlitten und wird wohl mehrere Jahre brauchen, um sich davon zu erholen. Das wird nicht ohne Auswirkungen auf die Exportnation Schweiz bleiben.
Ausgerechnet in dieser schwierigen Situation dürfte sich der Verteilkampf zwischen den Generationen verschärfen. Die ersten Babyboomer gehen in Rente, und wie die im Verhältnis immer kleiner werdende Zahl von Erwerbstätigen diese Rente bezahlen soll, wird immer unsicherer.
Die Schweiz verdankt ihren Wohlstand ihrer politischen Stabilität, und diese Stabilität beruht auf einem System, das, so heisst es, von Genies entworfen wurde, damit es auch von Idioten verwaltet werden kann. Eine minimale Bereitschaft zum Kompromiss und Respekt vor dem politischen Gegner braucht jedoch selbst dieses idiotensichere System. Das ist heute jedoch nicht mehr selbst verständlich. Die politische Rechte hat inzwischen einen PropagandaApparat aufgebaut, der reflexartig alles platt walzt, was sich ihm in den Weg stellt. Das zeigt Wirkung. Bei der Minarett Debatte waren die Onlineportale innert kürzester Zeit mit Hasskommentaren aus der rechten Ecke überflutet. Und das alles war nur ein Vorgeplänkel. Wie sieht es wohl aus, wenn wirtschaftliche Stagnation, die Ausländer und die Generationenfrage tatsächlich gleichzeitig eintreffen sollten?
