Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 15. März 2009

Starrt man auf die richtige Kennzahl?

«Für das BIP ist es nicht entscheidend, ob der Staat in Schulen oder Gefängnisse investiert»

Die drei versal geschriebenen Buchstaben BIP stehen für Bruttoinlandprodukt. Darunter versteht man die Gesamtheit aller in einem Land hergestellten Güter und Dienstleistungen. Das BIP wurde 1932 vom US-Ökonomen Simon Kuznets erfunden. Er hatte vom Kongress den Auftrag erhalten, ein Instrument zu entwickeln, mit dem man die Volkswirtschaft messen und sich so ein genaueres Bild über die selt­samen Vorgänge verschaffen kann.

Heute erinnert wieder vieles an die Zeit der Grossen Depression. Folgerichtig ist auch das BIP wieder in aller Munde. Wie stark wird das BIP im laufenden Jahr schrumpfen? Wie viel Prozent des BIPs muss die Summe betragen, die der Staat für ein wirkungsvolles Konjunkturprogramm ausgeben muss? Wie hoch darf die Verschuldung in BIP-Prozenten sein, ohne dass eine Inflation droht? Volkswirtschafter und Politiker, aber auch Bürgerinnen und Steuerzahler starren auf die jüngsten BIP-Prognosen wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die Schlange. Aber starren sie auch auf die richtige Kennzahl?

Das BIP hat einen Vorteil: Man kann damit Dinge quantifizieren. Und einen Nachteil: Es ist egal, was quantifiziert wird. Ob der Staat in Schulen oder Gefängnisse investiert, spielt keine Rolle. Zynisch gesehen, ist BIP-mässig der ideale Bürger unheilbar krank und lässt sich scheiden (hohe Gesundheits- und Anwaltskosten). Umwelt­schützer verlangen deshalb schon lange eine andere Kennzahl. Sie wollen einen Massstab, der unter­scheiden kann zwischen den volkswirtschaftlichen Kosten eines Ölunfalls und dem Wiederaufforsten des Waldes. Die Linke stört sich daran, dass das BIP keine Rücksicht auf die Verteilung des Wohlstandes nimmt.
  In vielen Ländern ist in den letzten Jahren das BIP zwar gestiegen, die Löhne aber sind gesunken.

Warum also das BIP nicht durch einen vernünftigeren Massstab ersetzen? Einen, der beispielsweise Glück, Zufriedenheit, Gesundheit oder Lebenserwartung misst? Weil diese Kriterien nicht objektivierbar sind.
  Wer das BIP abschaffen will, muss radikaler denken.
  Er müsste beispielsweise das Einkommen von der Arbeit trennen. Paradoxerweise sind jedoch gerade in Zeiten, in denen die Arbeitslosigkeit steigt, solche Modelle politisch chancenlos.