Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 05. April 2009

Wir müssen unser Leben ändern

«Wir müssen jetzt neue Modelle finden, um den ökologischen Kollaps zu verhindern»

Normalerweise schreiben Philosophen Wälzer mit Titeln wie «Kritik der reinen Vernunft»oder «Das Ende der Geschichte». Das neue Buch von Peter Sloterdijk heisst «Du musst dein Leben ändern». Wie der Leiter des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, David Bosshart, in seiner Eröffnungsrede zur diesjährigen Detailhandelskonferenz feststellt, ist dieser Titel nicht eine boulevardeske Entgleisung eines sonst respektierten Denkers. Sloterdijk hat den Zeitgeist im Gegenteil auf den Kopf getroffen. «Du musst dein Leben ändern» ist so etwas wie das Leitmotiv der modernen Gesellschaft geworden.

Ohne dass wir es im Kopf verstehen, spüren wir im Bauch, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Nur wer die letzten zehn Jahre auf dem Mars gelebt hat, kann den ökologischen Wahnsinn noch leugnen. Wir bräuchten sechs Planeten Erde, würde jeder seiner Bewohner so viel Energie verbrauchen wie der Durchschnittsamerikaner, und immerhin noch drei, wenn wir den Durchschnittskonsum der Europäer hochrechnen. Jedes Kind weiss inzwischen, dass Erdöl ein endliches Gut ist, das wir derzeit sinnlos verschleudern, dass Trinkwasser und selbst Ackerland knapp geworden sind.

Die Wirtschaftskrise macht deutlich, dass nicht nur die Ökologie, sondern auch die Ökonomie aus den Fugen geraten ist. Die politischen Folgen des wirtschaftlichen Kollapses werden immer unberechenbarer. «Fresst die Reichen» hiess es auf Plakaten der G-20-Demonstranten in London. Der Hass auf die Banker und Manager nimmt Züge an wie im Paris vor dem Sturm auf die Bastille. Dieser Volkszorn ist pure Emotion ohne erkennbare Richtung. Woher sollte diese Richtung auch kommen? Der Sozialismus ist tot, und der Kapitalismus liegt im Koma.

Natur und Wirtschaft zeigen uns auf, dass wir an Grenzen gestossen sind. Bisher haben wir noch keine überzeugende politische Antwort auf diese Herausforderungen gefunden. «Du musst dein Leben ändern» ist deshalb weit mehr als ein moralischer Imperativ. Wir müssen jetzt neue Modelle finden, um den ökologischen Kollaps oder Massenarbeitslosigkeit zu verhindern. Sonst sorgt die Politik möglicherweise bald dafür, dass sich unser Leben auf sehr unangenehme Weise verändert.