Philipp Löpfe

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Sonntagszeitung, 22. Februar 2009

Yin und Yang

«Die gesamte Weltwirtschaft gleicht Japans Verfassung in den Neunziger­jahren »

Das vielleicht wichtigste Buch zur aktuellen Finanz­krise heisst «The Holy Grail of Macroeconomics».
Geschrieben hat es Richard Koo, Ökonom bei der Nomura-Bank. Er hat das «verlorene Jahrzehnt» der japanischen Wirtschaft untersucht und dabei analy­siert, welche Massnahmen wirken und welche nicht.
  Die gesamte Weltwirtschaft befindet sich derzeit in einem Zustand, der in mancher Hinsicht sehr ähnlich ist wie die Verfassung Japans in den Neun­zigerjahren. Politiker und Notenbanker müssen jetzt entscheidende Massnahmen treffen. Deshalb ist Koos Buch so wichtig.

Koo macht eine Unterscheidung, die bisher in der Ökonomie übersehen wurde: Es gibt zwei verschiedene Arten von Rezession, eine gutartige und eine bösartige. Die gutartige ist die Folge von Wirtschaftszyklen. Sie wird am besten mit der Geldpolitik behandelt, mit tieferen Zinsen und dem Ausweiten der Geldmenge.
  Dieser Rezessionstyp tritt auf, wenn sich die Wirtschaft in einem Zustand befindet, den Koo als Yang-Phase bezeichnet. Das bedeutet: Es herrscht allgemeiner Optimismus, die Unter­nehmen investieren. Derzeit befindet sich die Wirt­schaft aber in eine Yin-Phase. Das heisst: Eine Blase ist geplatzt, riesige Vermögenswerte sind über Nacht vernichtet worden, und die Unternehmen kennen nur
noch ein Ziel: Schulden abbauen.

Die Rezession der Yin-Phase tritt selten auf und ist bösartig. Anders als bei der gutartigen Version in der Yang-Phase bleibt die Geldpolitik wirkungslos.
  Unternehmen nehmen auch dann keine Kredite auf, wenn der Zinssatz bei null Prozent liegt. Sie können gar nicht investieren, sie müssen Schulden zurück­zahlen. Wirtschaftspolitisch gibt es deshalb nur drei Optionen: Der Staat springt in die Nachfragelücke und verschuldet sich. Die Sozialpartner einigen sich auf Lohnsenkungen und hoffen auf steigende Exporte. Man schaut zu, wie die Wirtschaft in einer Deflationsspirale kollabiert. An dieser Lösung kann kein verantwortungsvoller Mensch interessiert sein, Exporte sind derzeit ebenfalls kein Thema, es bleibt nur die Verschuldung des Staates. Präsident Obama hat mit seinem 787-Milliarden-Dollar-Stimulus das einzig Richtige getan. Die anderen Länder müssen seinem Beispiel folgen.