Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 07. Oktober 2010

Die Welt im Währungskrieg

Abwertung: Sie gefährdet die Weltwirtschaft. Lässt sie sich stoppen?


Währungskrieg, was ist das überhaupt? Am einfachsten stellt man sich Sitzplätze in einem Fussballstadion vor. Um das Geschehen besser zu verfolgen, steht einer der Zuschauer auf, derjenige hinter ihm und der Nebenmann tun es ihm gleich, am Schluss stehen alle – mit dem Resultat, dass alle nun weniger sehen und nicht mehr sitzen. Um im Bild zu bleiben: Aufgestanden sind derzeit Japan, die USA und die Schweiz, aber auch eine ganze Reihe von Schwellenländern wie Brasilien oder Südkorea. China steht schon lang, während sich Euroland soeben wieder trotzig hingesetzt hat.

Die Notenbanken dieser Länder haben Massnahmen ergriffen, um die eigene Währung zu schwächen und damit die Wettbewerbschancen ihrer Exportwirtschaft zu stärken. Alle sind unzufrieden und wollen sich mit einer künstlichen Manipulation ihrer Währung Vorteile auf Kosten der anderen verschaffen. Ein Währungskrieg ist deshalb tatsächlich zu einer ernst zu nehmenden Gefahr geworden.

Jeder Vergleich hat seine Grenzen, auch dieser. Im Fussballstadion sieht man genau, wer steht und wer sitzt, und auch, wer zuerst aufgestanden ist. An den Devisenmärkten nicht. Da ist die Situation ziemlich undurchsichtig. Beispiel Schweiz: Bis zum Ausbruch der Krise war alles in bester Ordnung. Der Wechselkurs zum Euro pendelte zwischen 1.50 Franken und 1.60 Franken. Das war matchentscheidend, denn zwei Drittel unserer Exporte gehen bekanntlich in die EU.

Krise lässt Euro einbrechen

Die Krise hat den Euro einbrechen lassen. Die Schweizerische Nationalbank hat deshalb mit teilweise massiven Interventionen auf den Devisenmärkten versucht, den Franken zu schwächen. Die Frage ist: Ist sie von sich aus aufgestanden, oder musste sie aufstehen, weil rund um sie alle bereits standen?

Ähnlich die Situation für Japan: Die japanische Notenbank hat das jüngste Scharmützel an der Währungsfront eingeleitet, indem sie ihre Leitzinsen praktisch auf null gesenkt hat. Sie hat damit aber nur auf eine Offensive der US-Notenbank reagiert. Das Fed hat mit einer neuen Runde von «quantitative easing» – so nennt man ein Bündel technisch komplexer Massnahmen, die den gleichen Effekt haben wie Geld drucken – den Dollar künstlich verbilligt. Auch hier stellt sich die Frage: Wer hat nun angefangen, und wer bereichert sich auf Kosten von wem?

Das Währungschaos ist eine Folge der Situation der Weltwirtschaft. Diese ist nach wie vor desolat, vor allem in den Industriestaaten. Die Produktionskapazitäten sind nicht ausgelastet, durchschnittlich liegen sie nach wie vor etwa zehn Prozent unter dem Vorkrisen-Niveau. Gleichzeitig ist die Nachfrage innerhalb der Länder schwach. Alle setzen deshalb auf das gleiche Pferd: auf den Export. Diese Rechnung kann nicht aufgehen, zumindest nicht, solange wir nicht mit Ausserirdischen Handel betreiben. Mit sich selbst kann die Erde keinen Exportüberschuss erzielen. Das Resultat ist ein wüstes Hauen und Stechen an der Devisenfront.

Die Lösung heisst China

Wer kann einen offenen Währungskrieg verhindern? China. Das Land hat sich zur Werkhalle der Welt entwickelt und ist inzwischen Exportweltmeister geworden. Die chinesische Notenbank setzt alle Hebel in Bewegung, dass dies auch so bleibt. Sie hat mittlerweile rund 2,5 Billionen Dollar an Devisen angehäuft, das ist fast die Hälfte des gesamten Bruttoinlandsprodukts. Dieser absurd hohe Devisenberg dient einem einzigen Zweck: Er muss eine Aufwertung der chinesischen Währung Renminbi verhindern.

Dummerweise hat China damit auch die Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht gebracht. Weshalb? China ist trotz seiner Erfolge noch immer ein armes Land und ein riesiger Wachstumsmarkt für ausländische Geldgeber. Rein logisch müsste also mehr Kapital ins Land kommen als wieder rausfliesst. Stattdessen exportiert China Kapital, indem es westliche Schulden aufkauft, und dies nur mit dem Ziel, seine Währung und seine Exporte zu schützen. Es stellt so die ökonomischen Gesetzmässigkeiten auf den Kopf. Oder um es mit dem Einstiegsvergleich auszudrücken: China steht allen anderen vor der Sonne, und weil es die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt geworden ist, zwingt es alle anderen, sich ebenfalls zu erheben.