Tages-Anzeiger, 16. Oktober 2010
Wer sucht, der findet nicht immer
Arbeitsmarkt ist nicht gleich Arbeitsmarkt. In den USA gilt das Hire-and-Fire-Prinzip, der Arbeitsmarkt ist sehr flexibel. Unternehmen können ihre Mitarbeiter ohne grosse Probleme wieder entlassen, wenn sie sie nicht mehr benötigen. Das tun sie auch, wie die aktuelle Krise zeigt. Die Arbeitslosenquote ist in kurzer Zeit auf rund zehn Prozent geklettert. Weil die Unternehmen aber auch sofort wieder Leute anheuern, wenn die Wirtschaft anspringt, geht die Arbeitslosigkeit in den USA jeweils rasch zurück.
Merkmal der europäischen Sozialstaaten ist hingegen ein relativ unflexibler Arbeitsmarkt. In Deutschland, Frankreich, Spanien etc. sind Arbeitnehmer vor Entlassungen mit langen Kündigungsfristen und anderen Massnahmen viel besser geschützt als in den USA. In einer Krise schnellt die Arbeitslosigkeit deshalb weniger rasch in die Höhe. Dafür ist die Gefahr gross, dass selbst in Boomzeiten die Arbeitslosigkeit nicht verschwindet. Die Unternehmen stellen nur sehr zögerlich neue Mitarbeiter an. Stattdessen entstehen prekäre Schattenmärkte mit schlecht bezahlten Teilzeitjobs und Schwarzarbeit.
Ob flexibel oder unflexibel, eines sind Arbeitsmärkte nie: effizient. Das ist der Kern der Thesen, für die die drei Ökonomen Peter Diamond, Dale Mortensen und Christopher Pissarides mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet worden sind. Wären Arbeitsmärkte nämlich effizient, dann hätten wir stets Vollbeschäftigung. Jeder Arbeitnehmer würde lieber einen schlecht bezahlten Job haben als keinen, und jeder Unternehmer würde Leute anstellen, wenn die Kosten stimmen würden. Doch die Realität zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Arbeitnehmer und Arbeitgeber finden auch dann nicht spontan zueinander, wenn der Preis stimmt.
Liebe auf den ersten Blick ist selten, sei es im Heirats- oder im Arbeitsmarkt. Die Parallele ist nicht zufällig gewählt. In beiden Fällen handelt es sich um sogenannte Suchmärkte. Diese Erkenntnis hat den drei Nobelpreisträgern ihre Auszeichnung eingetragen. Mit ihren Modellen kann man Arbeitsmärkte simulieren und testen, wie gross der Nutzen für den Jobsuchenden sein muss, damit er die entsprechende Mühe auf sich nimmt. Die Modelle zeigen aber auch, dass spontane Liebe im Arbeitsmarkt oft schlecht endet. Mit einer guten Arbeitslosenversicherung hat der Suchende genügend Zeit und Sicherheit, die es ihm erlauben, den für ihn geeigneten Arbeitsplatz zu finden. Er muss sich nicht einfach mit dem erstbesten zufrieden geben.
Die drei Nobelpreisträger sind nicht nur wegen ihrer akademischen Errungenschaften geehrt worden. Ihre Modelle haben die Praxis beeinflusst. Im Kampf gegen Arbeitslosigkeit werden sie in Arbeitsvermittlungsstellen, RAVs etc., auch täglich angewandt, denn ein Teil der Arbeitslosigkeit ist zweifellos ein Suchproblem. Aber nur ein Teil.
Vermittlung hilft nur bedingt
Kehren wir kurz zurück zum Heiratsmarkt. Viele junge chinesische Männer finden heute keine Frau. Bei einigen kann das selbst verschuldet sein. Sie haben schlechte Manieren, suchen am falschen Ort oder stellen überrissene Anforderungen an ihre Wunschpartnerin. In solchen Fällen kann ein Partnerschaftsvermittlungsbüro helfen. Doch das Grundproblem der chinesischen Männer lässt sich nicht mit technokratischen Mitteln lösen: Wegen der Ein-Kind-pro-Familie-Politik der letzten Jahrzehnte gibt es heute viel zu wenig Frauen in China. Daran ändert selbst das raffinierteste Suchmodell nichts.
Ähnlich die Situation, die sich heute auf den Arbeitsmärkten der modernen Gesellschaften – in den USA wie in Europa – abzeichnet. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, weil die Nachfrage eingebrochen ist. Wenn die Konsumenten nicht konsumieren, dann haben die Unternehmen auch keinen Anreiz zu investieren und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die entscheidende Schlacht im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit wird daher an der Nachfragefront geschlagen. Bei allem Respekt für die Herren Diamond, Mortensen und Pissarides: Daran ändert auch ihr Nobelpreis nichts.
