Tages-Anzeiger, 19. August 2010
Warum Grübel die UBS aufspalten soll
Goldman Sachs will seine Handelsabteilung schliessen und als unabhängiger Hedgefonds weiterführen. Diese Meldung verbreitete sich Anfang August wie ein Lauffeuer durch die Wirtschaftspresse. Die UBS will ihr Investmentbanking vom übrigen Geschäft abspalten und als eigene Firma an die Börse bringen. Dieses Gerücht setzt nun der Bahnhofstrasse-Insider François Bloch im «Tages-Anzeiger» in die Welt. Er könnte recht bekommen, aus verschiedenen Gründen.
Goldman Sachs ist nicht irgendeine Bank. Sie gilt als der Goldstandard des Investmentbanking, die am meisten bewunderte und am meisten kopierte Institution der Finanzwelt. Über Jahre hinweg hat sie regelmässig weit überdurchschnittlich Gewinne ausgewiesen. Nur ein Drittel dieses Gewinnes wurde jedoch mit klassischem Investmentbanking erzielt. Der Rest ging auf das Konto des Wertschriftenhandels auf eigene Rechnung. Kein Wunder also, dass Goldman Sachs immer wieder als «verkleideter Hedgefonds» bezeichnet wird.
Den gleichen Vorwurf musste sich bis zum Ausbruch der Subprime-Krise auch die UBS gefallen lassen. Unter Marcel Ospel wies die Bank zeitweise eine Leverage-Ratio (Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital) von 1:52 auf, ein Wert, den selbst die risikofreudigsten Hedgefonds nicht annähernd erreichen. Mit anderen Worten, Ospel & Co. erzielten ihre damals bewunderten Gewinne ebenfalls nicht mit klassischem Banking, sondern indem sie viel zu grosse Risiken eingingen. Im Unterschied zu den Schweizern erkannten die smarten Jungs von Goldman Sachs jedoch rechtzeitig, dass die Luft im US-Immobilienmarkt draussen war.
Wie die UBS geriet jedoch auch Goldman Sachs in politische Schwierigkeiten. Je mehr eine erstaunte Öffentlichkeit über das Innenleben einer Investmentbank erfährt, desto höher schlagen die Emotionen. Es geht dabei längst nicht mehr nur um die Boni. Beim klassischen Investmentbanking sind die Interessen der Bank mit denen des Kunden identisch, das Geschäft der Bank ist de facto eine Beratungsgebühr. Anders beim Eigenhandel: Dort kann die Bank unter Umständen gegen ihre eigenen Kunden spekulieren. Genau diesen Vorwurf erhob die US-Börsenaufsicht gegen Goldman Sachs und leitete ein Verfahren ein. Von einer Anklage hat sich die Bank inzwischen nur mit einer 500-Millionen-Dollar-Busse befreien können.
Gefährliches Kasino
Der Eigenhandel der Investmentbanken muss eingedämmt werden, denn er verwandelt die Finanzmärkte tatsächlich in Kasinos. Das ist volkswirtschaftlich unsinnig und politisch sehr gefährlich. In den USA ist deshalb bereits ein neues Finanzmarktgesetz beschlossen worden. Die darin enthaltende «Volcker-Regel» sorgt dafür, dass Banken mit ihrem Eigenkapital keine grossen Risiken eingehen können. Damit wird verhindert, dass solche Wetten mit Steuergeldern beglichen werden müssen, wenn eine Bank aufs falsche Pferd gesetzt hat, aber gerettet werden muss, weil sie zu gross ist für den Untergang.
Mit einem unabhängigen Hedgefonds will Goldman Sachs der Volcker-Regel entkommen. In der Schweiz ist noch nicht entschieden, wie das «Too big to fail»-Problem gelöst werden soll. Dass es gelöst werden muss, ist klar, und wohl nicht zufällig hat Philipp Hildebrand, Präsident der Schweizerischen Nationalbank, vor ein paar Monaten vorgerechnet, dass das Investmentbanking für unsere Grossbanken ein schlechtes Geschäft ist. Sollte also Oswald Grübel dem Beispiel von Goldman Sachs folgen und das Investmentbanking tatsächlich vom übrigen Geschäft abtrennen – wunderbar. Idealerweise würde er gar zum ursprünglichen Geschäftsmodell zurückkehren. Wie heute Anwaltskanzleien wurde Investmentbanking einst als private Partnerschaft betrieben. Geld verdiente man dabei hauptsächlich mit Beratungshonoraren, und wenn man an den Börsen spekulierte, tat man es mit dem eigenen Geld. Der Steuerzahler konnte ruhig schlafen.
