Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 18. Mai 2010

Von China gelernt

Finanzkrise: Die chinesische Nationalbank hortet Dollars, die Schweiz Euros. Beide machen Milliardenverluste, aber helfen der Wirtschaft.

Die chinesische Notenbank hat mehr als 2500 Milliarden Dollar in ihren Büchern. Rein betriebswirtschaftlich gesehen, ist das ein Unsinn. Die US-Währung hat seit Ausbruch der Finanzkrise rund 30 Prozent an Wert verloren und damit China riesige Buchverluste beschert. Sind die Chinesen bescheuert? Nein, die Dollarkäufe sorgen für einen tiefen Wechselkurs des Renminbi. Sie halten die Exporte in Schwung und sichern so chinesische Arbeitsplätze.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hortet nicht Dollars, sondern Euros. Mehr als 80 Milliarden Franken sind es inzwischen, und es werden immer mehr. Dabei ist das für die SNB alles andere als ein gutes Geschäft. Allein im ersten Quartal dieses Jahres hat sie auf ihren Euro-Beständen einen Buchverlust von 2,9 Milliarden Franken eingefahren. Sind also Philipp Hildebrand & Co. bescheuert? Nein, sie haben von den Chinesen gelernt. Auch die SNB will der Schweizer Wirtschaft helfen und verhindern, dass ein viel zu starker Franken die Exporte abwürgt.

Zu starken Franken verhindern

Die chaotische Welt der Devisen wird zur immer grösseren Bedrohung für die reale Wirtschaft. In den Neunzigerjahren sind in der Schweiz Tausende von Arbeitsplätzen vernichtet worden, weil damals die SNB stur an ihrer Geldpolitik festhielt und den Franken viel zu stark werden liess. Daraus wurden Lehren gezogen. Die SNB hat heute keine Skrupel mehr, mit gezielten Interventionen an den Devisenmärkten einen überteuerten Franken zu verhindern.

An den Euro binden?

Trotzdem hat sich der Euro gegenüber dem Franken seit Ausbruch der Griechenland-Krise um rund 10 Prozent abgeschwächt. Die SNB muss dabei ihre Ziele nach unten revidieren. Zuerst wollte sie die 1.50-Linie mit aller Macht verteidigen, jetzt ist der Euro bereits unter 1.40 Franken gesackt. Und er bleibt schwindsüchtig. Was, wenn er schwächer und schwächer wird? China bindet den Renminbi zu einem fixen Kurs an den Dollar. Um die Exportwirtschaft zu schützen, empfiehlt Finanzprofessor Walter Wittmann der SNB, notfalls auch diesen Schritt zu unternehmen. «Wir müssten den Frankenkurs an den Euro binden oder sogar den Euro übernehmen», sagt er. Doch unter Notenbankern ist es verpönt, mit gezielten Eingriffen die nationale Währung zu manipulieren. Mit guten Gründen: Die sogenannte «Beggar thy neighbour»- Wechselkurspolitik hatte in den Dreissigerjahren eine verheerende Wirkung.

Damals wertete jede Industrienation aus nationalistischer Kurzsichtigkeit die eigene Währung einseitig ab, um auf diese Weise die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Wirtschaft zu erhöhen. Dieser chauvinistische Egoismus hat im kollektiven Elend der Grossen Depression und des Zweiten Weltkriegs geendet.

Auch heute sind Wechselkurse wieder politisch hochbrisant geworden. Geht es um die Dollar-Renminbi-Frage, dann geraten sich die USA und China immer öfter und immer heftiger in die Haare. Nur mit Mühe konnte im April ein heisser Handelskrieg vermieden werden.

Düstere Warnung

Jetzt sacken auch der Euro und das britische Pfund ab. Kein Wunder warnt Jean-Claude Trichet, Präsident der europäischen Notenbank, dass sich die Welt «in der schwierigsten Situation seit dem Zweiten Weltkrieg, vielleicht sogar seit dem Ersten» befinde.