Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 18. März 2010

Deutschland spart auf Kosten der anderen 

Finanzkrise: Bahnt sich zwischen Deutschland und Frankreich ein Handelsstreit an? 

Mitglieder eines noblen Klubs kritisieren sich gegenseitig nicht, schon gar nicht öffentlich. Das galt bisher auch für Euroland. Jetzt ist die französische Finanzministerin Christine Lagarde von diesem Prinzip abgewichen. In der «Financial Times» hat sie die Wirtschaftspolitik ihres Nachbarn bemängelt. Die deutschen Handelsüberschüsse würden dank künstlich tiefen Löhnen erzielt und seien deshalb langfristig für die Eurozone ein Belastung, erklärte Lagarde und fügte hinzu, die Deutschen würden ihre Exportüberschüsse «auf Kosten der anderen» erzielen. In Berlin ist man irritiert. Ob man in Paris etwa der Meinung sei, deutsche Firmen sollten gezwungen werden, Ladenhüter herzustellen?, erwiderte eine hörbar verärgerte Angela Merkel. 

Die Verstimmung der Bundeskanzlerin ist verständlich. Lagardes Kritik trifft die Deutschen dort, wo es weh tut. Da hat man alles getan, um alte Vorurteile abzubauen, und das mit Erfolg: Deutschland, jahrzehntelang verschrien als Land der hohen Löhne, der noch höheren Lohnnebenkosten und viel zu hohen Steuern, hat eine Kehrtwende gemacht. Heute ist es im Vergleich zu den anderen Mitgliedern von Euroland wieder ein äusserst attraktiver Wirtschaftsstandort. Nicht nur das: Die Spanier, Portugiesen und Griechen haben sich nicht zweimal bitten lassen, als die Zinsen auf Tiefstwerte sanken. Sie haben zugegriffen und sich hemmungslos verschuldet. Nicht so die Deutschen: Sie hielten ihr Geld zusammen. Selbst in der Boomphase von 2000 bis 2006 erzielten die Privathaushalte hohe Sparüberschüsse. 

Tüchtig gearbeitet und fleissig gespart, dafür hätten die Deutschen eigentlich Lob erwartet. Stattdessen werden sie mit Kritik überschüttet, und zwar selbst von den Zitadellen des Kapitalismus: Ob «Wall Street Journal», «Financial Times» oder «Economist», alle fordern die Deutschen immer verzweifelter auf, endlich ihrem Export-Wahn abzuschwören und sich selbst mehr zu gönnen, sprich den Konsum im eigenen Land anzukurbeln. Das ist verständlich, wenn man sich die konkreten Zahlen vor Augen führt: Allein letztes Jahr hat Deutschland einen Exportüberschuss von 140 Milliarden Euro erzielt. 

Gemeinsam in der Falle


Bis zum Ausbruch der Finanzkrise waren alle zufrieden. Die Südländer lebten auf Pump, und die Deutschen exportierten wie die Weltmeister. Seit dem Ausbruch der Rezession ist damit Schluss. Plötzlich wollen alle sein wie die Deutschen. Spanier, Griechen und Portugiesen beginnen ebenfalls zu sparen. Ohne Pumpwirtschaft geht aber die Rechnung nicht mehr auf, real wird im Süden zu wenig produziert. «Es gibt nicht genug Oliven, um all die Mercedes und andere deutschen Produkte zu bezahlen, die die Griechen importiert haben», stellt das «Wall Street Journal» lakonisch fest. 

Bis zur Einführung des Euro hätten die Griechen ihre Drachmen, die Spanier ihre Peseten und die Italiener ihre Lira abgewertet. Dieser einfache Weg ist nun versperrt. Gemeinsam sitzt man in der Falle. Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times», beschreibt sie wie folgt: «Deutschlands Struktur der Privathaushalte und die Exportüberschüsse verunmöglichen es den Nachbarn, ihre Haushaltsdefizite abzubauen, es sei denn, sie wären bereit, eine lange Durststrecke in Kauf zu nehmen.»

Eine höfliche Warnung 

Die Aussendefizite der einen sind die Überschüsse der anderen. Dieses ökonomische Gesetz gilt auch in Euroland. Allmählich dämmert es den Mitgliedern, dass die Wirtschaft nicht nur wegen dem Schlendrian der Mittelmeerstaaten aus dem Gleichgewicht geraten ist. Auch die anhaltenden Exporterfolge der Deutschen werden allmählich zu einer Belastung im Euroland. Um eine langjährige Stagnation zu verhindern, reicht es nicht aus, wenn im Süden der Gürtel enger geschnallt wird. Finanzministerin Lagarde spricht davon, dass auch «diejenigen, die Exportüberschüsse erzielen, etwas tun könnten». Eine höfliche französische Warnung an die Deutschen, ihr Nachfrageproblem zu lösen.