Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 20. April 2010

Unter vier Augen

Dienstreisen: Warum Politiker und Manager um die Welt jetten, statt sich online zu besprechen.

Zu Beginn seiner Amtszeit traf US-Präsident George W. Bush seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin in Ljubljana. Die beiden Staatsmänner unterhielten sich längere Zeit unter vier Augen. Später erklärte ein sichtlich beeindruckter US-Präsident den wartenden Journalisten, er habe Putin tief in die Augen geschaut und darin «die russische Seele» erblickt. Bush war überzeugt, in Putins Augen nicht nur den Beginn einer echten Männerfreundschaft erkannt zu haben, sondern auch eine neue Beziehung zwischen den einst verfeindeten Supermächten erkannt zu haben.

Nicht nur Staatsmänner haben das Bedürfnis, sich gegenseitig in die Augen zu blicken. Auch die globalisierte Weltwirtschaft scheint nur dann zu funktionieren, wenn sich Manager in regelmässigen Abständen von Angesicht zu Angesicht treffen. Für die Airlines ist das ein Glücksfall. Ohne dieses Bedürfnis nach Augenkontakt wären nicht nur ihre Sitze in der Business Class, sondern auch ihre Kassen leer.

Was die Finanzchefs der Fluggesellschaften freut, ist für Laien nur schwer verständlich. Selbst in der First Class ist Fliegen eine mühsame Angelegenheit. Daran ändert auch der beste Service und der modernste Liegesitz nichts.

Das kann keine Videokonferenz

Warum tun es sich die Manager trotzdem an? Warum jetten Tag für Tag Heerscharen rund um den Globus, vorwiegend Männer mittleren Alters, um in anonymen Airporthotels mit gleichaltrigen Männern zusammenzutreffen. Die Dinge, die jeweils besprochen werden, würden sich heute dank moderner Kommunikationstechnologie auch problemlos vom Büro aus regeln lassen.

Doch Bildschirmtelefone und Videokonferenzen sind auf verlorenem Posten, denn bei diesen Treffen wird nicht um Details gefeilscht. Das haben die Spezialisten längst erledigt. Hier wird die Körpersprache analysiert. Das lässt sich nicht delegieren. Wenn es um die Seele geht, verlässt sich auch der rationale Homo oeconomicus auf den Bauch. Darum kann ihn nichts davon abhalten, ins Flugzeug zu steigen - ausser die Asche eines isländischen Vulkans.