Philipp Löpfe

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SonntagsZeitung, 07. Juli 2010

Im eigenen Land investieren

Philipp Löpfe über deutsches Sparen und nötige Export-Beschränkungen


Deutschland will sparen und spaltet damit die Welt: Für Kritiker wie den Nobelpreisträger Paul Krugman oder den Financier George Soros sind Angela Merkel & Co. im Begriff, die verhängnisvollen Fehler des Unglückskanzlers Heinrich Brüning zu wiederholen. Dieser hat zu Be ginn der Dreissigerjahre in der so- genannten Weimarer Republik mit einer harten Sparpolitik Deutschland in die Depression gestürzt. Für die Merkel-Fans hingegen wird die Kanzlerin zur Hoffnungsträgerin, zum Gegenpol von US-Präsident Barack Obama, der mit seiner verantwortungslosen Schuldenpolitik die Welt in den Abgrund zu reissen droht.

Die Diskussion um die deutsche Wirtschaftspolitik wird emotional geführt und ist mit Moral durchtränkt. Das führt zu Missverständnissen. «Den Aussenhandelsüberschuss und den damit verbundenen Verlust an Investitionskapital als Zeichen der Stärke Deutschlands anzusehen, gehört zu den fast schon tragisch zu nennenden Denkfehlern des politischen Diskurses», sagt Hans-Werner Sinn, einer der bekanntesten Ökonomen des Landes.

In der Ökonomie geht es nicht um Moral, sondern um Gleichgewichte. Das Problem liegt nicht darin, dass die tüchtigen Deutschen zu viel leisten. Die Balance ist aus anderen Gründen gestört: Importe und Exporte müssen in der Summe null ergeben, mindestens solange wir noch nicht mit Ausserirdischen Handel treiben. Das gleiche Prinzip gilt auch für Sparen und Investieren.

Gegen dieses Prinzip haben die Deutschen in der jüngsten Vergangenheit massiv verstossen. Sie haben nicht nur Autos und Maschinen, sondern auch ihre Ersparnisse via Banken exportiert. Zwischen 1995 und 2008 sind gerade mal 40 Prozent der deutschen Spargelder im eigenen Land verbraucht worden. Kein Wunder, hat Deutschland in dieser Periode die niedrigste Investitionsquote aller OECD-Mitglieder, des Clubs der reichen Länder. Gleichzeitig wuchsen die Löhne weniger stark als die Produktivität. Das Resultat: Deutschland wurde einerseits Exportweltmeister, aber auch ein Land mit niedrigem Wirtschaftswachstum und schwacher Binnennachfrage.

Die Krise hat endgültig die Illusion zerstört, wonach mehr Export zu mehr Wohlstand führt. Was haben die Deutschen davon, wenn sie auf Lohn verzichten, damit sich andere ihre Luxusautos leisten können? Warum soll deutsches Sparkapital auf dem US-Immobilienmarkt mit Ramschpapieren verbrannt oder in wacklige Staatsanleihen von Club-Med-Ländern investiert werden? Selbst wenn die Rendite kurzfristig tiefer sein mag, ist es nicht intelligenter, dieses Kapital im eigenen Land zu investieren?

Diese Fragen stellen sich die Deutschen zunehmend. Die Antwort liegt auf der Hand. Es ist zu erwarten, dass der deutschen Wirtschaft mehr Kapital zur Verfügung stehen und mehr Geld in deutsche Infrastrukturprojekte investiert wird. Gleichzeitig haben die Deutschen mit ihrer Kurzarbeit-Regelung bewiesen, dass sie vernünftige Wirtschaftspolitik betreiben können. Beides wird die Binnennachfrage stärken und zu einem allmählichen Abbau der Exportüberschüsse führen. Und was bleibt von der jetzt mit viel Getöse begleiteten Spardiskussion? Schall und Rauch.

«Es geht um Gleichgewichte, nicht um Moral»