Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 11. Mai 2010

Finanzpolitik nach Art der schwäbischen Hausfrau

Krisenmanagement: Angela Merkel hat bei der Bewältigung der griechischen Tragödie die Fehler wiederholt, die schon bei der Lehman-Pleite gemacht wurden.

Als die Finanzwelt nach dem Bankrott von Lehman Brothers im Koma lag, war Angela Merkel rasch mit praktischen Tipps zur Stelle. Sie sollten sich doch einfach die schwäbische Hausfrau zum Vorbild nehmen, riet die Kanzlerin den Bankern gönnerhaft. Schliesslich habe uns die gute Frau gelehrt, dass man langfristig nicht über seine Verhältnisse leben könne. Das kam bei Wählerinnen und am Stammtisch gut an. Doch kann man damit auch internationale Finanzkrisen kurieren?

Von den Europäern wird die Schuld an der Finanzkrise den Amerikanern in die Schuhe geschoben. Viel zu tiefe Zinsen haben zu viel zu hohen Schulden geführt, das wissen wir inzwischen alle und kennen auch den Sündenbock: Alan Greenspan. Der ehemalige Präsident der amerikanischen Notenbank hätte früher eingreifen und mit einer härteren Geldpolitik der Immobilienblase die Luft herauslassen müssen. Grosszügig übersehen wir dabei, dass sich zeitlich verschoben auf dem alten Kontinent ein Finanzdrama nach dem gleichen Prinzip wiederholt hat, allerdings mit anderen Hauptdarstellern. In den USA wurde armen Haushalten Geld nachgeworfen, in Europa armen Ländern. In den USA wurden Dumping-Hypotheken mit ewig steigenden Immobilienpreisen gerechtfertigt, in Europa die tiefen Zinsen für Staatsanleihen mit einer ewig stabilen Einheitswährung. Nur eines war auf beiden Kontinenten gleich: Ob arme Haushalte oder arme Länder, beide liessen sich nicht lumpen und griffen herzhaft zu.

Parallelen kann man auch im Vorfeld der beiden Krisen beobachten. Bei Lehman Brothers gingen der damalige US-Finanzminister Henry Paulson und Notenbank-Chef Ben Bernanke davon aus, sie müssten ein Exempel statuieren, und die Märkte würden den Bankrott der Investmentbank schon irgendwie verdauen. Bei Griechenland glaubten die wichtigsten Euroland-Staatschefs, sie müssten bloss Härte zeigen, und irgendwie würden die Südländer dann schon zur Vernunft kommen. Allen voran Angela Merkel kramte deshalb die Patentrezepte der schwäbischen Hausfrau wieder hervor. Sie wollte nichts von einer Hilfe an die Griechen wissen und zettelte stattdessen im Gleichschritt mit der «Bild»-Zeitung eine üble Kampagne gegen die angeblich faulen Mittelmeeranwohner an.

Merkel desavouierte Schäuble

Hätte die Kanzlerin schon vor Monaten klargemacht, dass Deutschland als wichtigstes Euroland die Einheitswährung um jeden Preis schützen und den Griechen die dazu angemessene Hilfe zukommen lassen würde, wäre die Krise längst bewältigt. Doch Merkel stellte ihren eigenen Finanzminister in den Regen, als dieser einen europäischen Währungsfonds vorschlug. Sie machte der Welt klar, dass ihr eine deutsche Regionalwahl mehr am Herzen lag als die Zukunft des Euro. Diesmal liessen sich die Spekulanten nicht zweimal bitten. Sie schlugen erbarmungslos zu.

Erst als die Milch verschüttet war, sprich: als eine internationale Kreditklemme drohte, warfen die Verantwortlichen das Ruder herum. Sie konnten gar nicht anders, das internationale Bankensystem hat sie dazu gezwungen. Auf dem sogenannten Repo-Markt leihen sich die Geldinstitute kurzfristig gegenseitig grosse Summen aus, denn keine Bank ist heute in der Lage, allein jederzeit genügend Kapital zur Verfügung zu haben. Das Schmiermittel dieses Repo-Markts heisst Vertrauen. Bei der Lehman-Pleite war dieses Vertrauen plötzlich weg, weil niemand wusste, wer wie viele Lehman-Schulden in den Büchern hatte. Diese Unsicherheit hatte prompte Folgen, die Banken hörten schlagartig auf, sich gegenseitig Geld zu leihen.

Wenn der Repo-Markt nicht mehr funktioniert, müssen die Notenbanken zu drastischen Methoden greifen, weil sonst bald auch in der realen Wirtschaft gar nichts mehr funktioniert. Die Notenbanker werfen deshalb im übertragenen Sinn Banknoten aus dem Helikopter ab. Die US-Notenbank machte dies im September 2008. Sie versorgte die Banken mit Liquidität, will heissen, sie stellte Kredite zu sehr vorteilhaften Bedingungen zur Verfügung und akzeptierte im Gegenzug Ramschpapiere oder «Giftmüll» als Sicherheit.

Die «Geld-Helikopter» der EZB

In der letzten Woche zeichnete sich an den Finanzmärkten wieder eine Kreditklemme ab. Nicht nur Griechenland, sondern auch Portugal, Spanien und gar Italien seien entweder pleite oder müssten bald umgeschuldet werden, hiess es gerüchteweise. Wer hat wie viele Staatsanleihen dieser Länder in den Büchern, war nun die alles entscheidende Frage bei den Banken; und wieder war das Vertrauen weg. Diesmal schickte die Europäische Zentralbank (EZB) die «Geld-Helikopter» los. Sie sei nun bereit, Obligationen von Staaten und Unternehmen aus der Eurozone zu kaufen, liess die EZB verlauten. Will heissen: Banken, denen Staatsanleihen der Mittelmeerstaaten zu heiss geworden sind, können sie nun bei der EZB gegen sichere Eurobonds eintauschen. Gleichzeitig steht bedrängten Euro-Staaten ein Hilfspaket von 750 Milliarden Euro zur Verfügung - und das tapfere Versprechen der Finanzminister, die Einheitswährung zu verteidigen «mit allem, was nötig ist». 

Fazit: Forelle nach Müllerinnen-Art kann köstlich sein - internationale Finanzpolitik nach Art der schwäbischen Hausfrau hingegen ist nur sehr schwer verdaulich.