Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 23. April 2010

Der Fluch der Gewinne

Banken: Der neue Geldregen sorgt für mulmige Gefühle.

Stellen Sie sich vor: Die Banken sind wieder kerngesund - und keiner freut sich. Das ist derzeit der Fall. Credit Suisse gab gestern bekannt, dass sie im ersten Quartal 2,1 Milliarden Franken verdient hatte. Die UBS stellt einen ähnlichen Gewinn in Aussicht. Auch die Deutsche Bank, die Bank of America und gar die von der Finanzkrise besonders hart getroffene Citigroup melden wieder gute Zahlen. Natürlich hat der Klassenbeste Goldman Sachs mit über 3 Milliarden Dollar Gewinn einmal mehr alle übertroffen (TA vom Mittwoch).

Die Gewinne der Banken lösen gemischte Gefühle aus, nicht zuletzt bei den Banken selbst. Politisch und psychologisch gesehen, fallen sie in eine denkbar ungünstige Zeit. Parlamente und Regierungen sind im Begriff, den Beinahe-Kollaps des Finanzsystems zu verdauen. 

«Massenvernichtungswaffen»

Im US-Senat haben die Beratungen über ein neues Finanzgesetz begonnen. Präsident Barack Obama hat dabei bereits im Vorfeld deutlich gemacht, dass er seine Unterschrift nur unter ein Gesetz setzen wird, das die bestehenden Regelungen verschärft. Er will mehr Schutz für die Konsumenten, weniger Boni für die Banker und vor allem mehr Transparenz beim Handel mit den Derivaten. Die umstrittenen Finanzinstrumente sind nämlich in der Krise ihren Übernamen wie «Massenvernichtungswaffen der Finanzmärkte» und «Giftmüll» vollauf gerecht geworden.

Nicht nur in Washington, rund um den Globus wird über neuen Regeln für die Finanzindustrie gebrütet. Es gilt, eine Wiederholung des Herzinfarktes der Finanzmärkte vom September 2008 auf jeden Fall zu vermeiden. Nationale und internationale Gremien sind deshalb am Ausarbeiten von Vorschlägen, wie man das «too big to fail»-Problem lösen könnte. Ernsthaft wird diskutiert, ob man die zu gross gewordenen Banken zerschlagen muss und was mit einem Vorschlag des ehemaligen Fed-Präsidenten Paul Volcker geschehen soll, der vorsieht, dass Geschäfts- und Investmentbanken per Gesetz getrennt werden.

Ein bisschen peinlich

Vor diesem Hintergrund ist es den Banken fast ein bisschen peinlich, dass der Grossteil des neuen Geld- segens beim Investmentbanking anfällt. Gerade diese Sparte steht besonders in der Kritik. Im Vordergrund stehen für einmal nicht Gier und obszöne Boni, sondern die Frage, ob das Investmentbanking volkswirtschaftlich gesehen überhaupt noch Sinn macht. Angeheizt worden ist diese Diskussion durch die angekündigte Untersuchung der US-Börsen- aufsicht SEC gegen Goldman Sachs. Im Mittelpunkt steht die Rolle der synthetischen CDOs. Dieses äusserst komplexe Finanzinstrument hat die Wallstreet de facto in ein Wettbüro mit Milliardeneinsätzen verwandelt.

So gesehen, ist es verständlich, dass die neuen Gewinne der Banken für ein mulmiges Gefühl sorgen. Natürlich versprechen Brady Dougan, Oswald Grübel & Co. hoch und heilig, diesmal sei alles anders, man hätte aus den Fehlern gelernt, und deshalb könne eigentlich gar nichts passieren. Doch genau das haben auch ihre Vorgänger versprochen.