Tages-Anzeiger, 12. April 2010
Der GAU der UBS
UBS-Präsident Kaspar Villiger hat Grossbanken auch schon mit Atomkraftwerken verglichen. Das Bild stimmt: Das Schicksal eines Ladens um die Ecke hat keinen Einfluss auf die Volkswirtschaft, das Schicksal einer Grossbank kann über ihr Gedeih oder Verderben entscheiden. Selbst der Bürger kann plötzlich und direkt vom Schicksal einer Grossbank betroffen werden. So führte der Konkurs der Icebank dazu, dass jeder Isländer plötzlich rund 20 000 Franken Schulden hatte. Die UBS ist nicht zusammengekracht, aber es wurde knapp, denn sie hatte nicht nur einen, sondern gleich zwei grösste anzunehmende Unfälle (GAU) zu bewältigen, wie man bei Atomkraftwerken sagen würde.
Der erste GAU waren die rund 50 Milliarden Franken Verluste, die mit Spekulationen auf dem US-Immobilienmarkt eingefahren wurden. Der Staat musste mit einem Darlehen von sechs Milliarden Franken aushelfen (inzwischen zurückbezahlt), und die Nationalbank musste für rund 60 Milliarden Franken Ramschpapiere übernehmen (inzwischen noch gut 20 Milliarden Franken).
Den zweiten GAU haben die UBS-Privatbanker verursacht. Mit ihrem forschen, manche sagen kriminellen Vorgehen in den USA haben sie ihre Bank und ihr Land in eine heikle Situation manövriert. Auch hier musste der Staat notfallmässig reagieren, um eine Anklage gegen die UBS zu verhindern; eine Anklage übrigens, die den Untergang der Grossbank bewirkt hätte. Der Preis dafür war hoch, die Schweiz hat faktisch ihr Bankgeheimnis geopfert.
Unerfüllter Wunsch nach Information
In der jüngeren Vergangenheit haben wir ein gehöriges Mass von Wirtschaftskatastrophen erlebt, den hässlichen Streit um die nachrichtenlosen Vermögen beispielsweise oder das Grounding der Swissair. Der Fall UBS übertrifft beide. Daher ist es mehr als verständlich, dass das Schicksal der Grossbank nicht nur grossen Ärger auslöst, sondern auch den Wunsch nach Information. Schweizerinnen und Schweizer wollen ganz einfach verstehen, wie es zu diesem Finanz-Tschernobyl kommen konnte. Sie wollen Fakten und Analysen, und sie wollen vor allem, dass die Verantwortlichen endlich Stellung beziehen müssen.
Die USA anerkennen dieses Bedürfnis nach Informationen. Es gibt Verfahren, bei denen Manager auch gegenüber der Öffentlichkeit zur Rechenschaft gezogen werden. Letzte Woche mussten Charles Prince und Robert Rubin (früher bei Citigroup) und auch der ehemalige Notenbankchef Alan Greenspan an einem Hearing Red und Antwort stehen.
In der Schweiz geschieht das Gegenteil. Das ehemalige UBS-Management ist abgetaucht. Strafrechtlich gebe es keine Handhabe gegen Ospel, Wuffli, Kurer & Co., erklären uns Staatsanwälte achselzuckend. Zivilrechtlich wäre ein Verfahren anscheinend möglich, aber sehr teuer, weshalb niemand das Risiko auf sich nehmen will. Und im Parlament haben Bürgerliche eine PUK bislang erfolgreich verhindert.
Decharge für Bankräuber?
Am kommenden Mittwoch sollen die Aktionäre an der UBS-Generalversammlung das ehemalige Management aus der Verantwortung entlassen und ihm die Decharge erteilen. Rein formal gesehen ist das wahrscheinlich korrekt, politisch gesehen wäre es katastrophal. Eine solche Decharge würde alle bereits bestehenden Vorurteile einmal mehr bestätigen: Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen, offener Bankraub wird nicht bestraft - und so weiter.
Betriebswirtschaftlich ist die UBS saniert, Oswald Grübel & Co. haben ganze Arbeit geleistet. Doch sie bleibt vorläufig ein Atomkraftwerk im Sinne von Kaspar Villiger. Jetzt so zu tun, als wäre man wieder ein ganz normales privates Unternehmen, ist eine Illusion. Ohne Staat und den Steuerzahler gäbe es heute die UBS nicht mehr, das Finanz-Tschernobyl kann jetzt nicht einfach verdrängt werden. Es braucht zuerst ein Verfahren, bei dem Marcel Ospel & Co. auch gegenüber der Öffentlichkeit Rechenschaft ablegen. Sonst wird der Ärger auf die Bankmanager noch grössser. Und das schadet letztlich auch der UBS und ihren Aktionären.
